Heft 1/2000 (Folge133), Seite 16

 

Michael Biermann

Euro? Im Volksmund eher nicht...

 

Auch wenn in Zukunft niemand mehr eine müde Mark auf dem Konto hat, sondern nur noch Euro und Cent, werden Mark und Pfennig ihren Wert bewahren - zumindest im Sprachschatz. Der Pfennigfuchser dürfte sich kaum in einen Centfuchser verwandeln, desgleichen die drängende Frage „Haste mal ′ne Mark”. Die Sprüche werden nicht auf den Euro umgestellt, meint der Sprachwissenschaftler Helmut Walther von der Gesellschaft für deutsche Sprache in Wiesbaden.

Die Wertschätzung des Volksmundes für längst verschwundene Münzen läßt sich mit vielen Redewendungen belegen. Auch heute noch wird gern auf Heller und Pfennig abgerechnet, obwohl der Heller schon 1873 mit der Einführung der Mark als gemeinsamer Währung im damaligen Deutschen Reich aus den Geldbeuteln verschwand.

Und wenn bei manchen der Groschen nur pfennigweise fällt, der eine oder andere nicht ganz bei Groschen ist und mancher seine Groschen zusammenhält, belegt auch das die Lebenskraft einer Münze in der Sprache. Der Groschen stammt immerhin aus dem 13. Jahrhundert und trat einst als „denarius grossius” oder „dicker Pfennig” seinen Werdegang an.

Neben dem Heller - benannt nach Schwäbisch Hall, wo wohl schon im 12. Jahrhundert der „Haller Pfenninck” geprägt wurde - hat sich auch der Taler in der Sprache gehalten. Daher wird auch im Euro-Zeitalter noch der sparsame Mensch die Mark dreimal umdrehen, bevor er sie ausgibt; mancher wird ′ne schnelle Mark machen oder ist mit fünf Mark dabei.

Der Pfennig steht nach Einschätzung der Sprachwissenschaftler in der Volkssprache oft für das ganze Geld schlechthin. Zahlreiche Sprüche beziehen sich auf ihn. Im Volksmund hat der Pfennig einen besonders hohen Wert. Dutzende von Sprüchen beziehen sich auf ihn. „Ein Pfennig in der Büchse macht mehr Geräusch als eine volle”, heißt es. Oder auch „ein geschenkter Pfennig ist besser als ein versprochener Thaler”.

„Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Thalers nicht wert”, lautet die wohl bekannteste Redewendung, die zudem mit Begeisterung abgewandelt wurde. „Wer den Pfennig nicht ehrt, hat einen Hang zum Großgeld” ist eine Variante wie „Wer den Pfennig nicht ehrt, rechnet mit einer Inflation” oder „Wer den Pfennig nicht ehrt, dessen Zeit ist was wert”.

Ob sich Euro und Cent so prominent in der Sprache niederschlagen? Es ist sicher für die ersten Jahre zweifelhaft. Nach Ansicht Walthers hätte die europäische Gemeinschaftswährung einen besseren Namen verdient als so ein „Kopfwort”. Mit dem Euro sei eine Vorsilbe zum Wort gemacht worden. Für den Cent hatte sich die Gesellschaft für deutsche Sprache nach einer Umfrage selbst(!) stark gemacht. Damals hatte es zahllose Vorschläge für die kleinsten Münzen gegeben, darunter auch „Pent” (aus Pfennig und Cent) oder „Mini”. Auch der „Euro” wurde damals vorgeschlagen, der setzte sich dann gegen den „Ecu” durch.

Der Volksmund wird die neue Währung wohl zunächst nicht für bare Münze nehmen. Der Centabsatz an Stelle des Pfennigabsatzes klingt ebenso ungewohnt wie die Bemerkung, „nach einer Heirat sei ein Euro nur noch 50 Cent wert”. Derartig abgewandelte Sprüche dürften doch vielen durch Mark und Pfennig gehen.