Die deutsche Schrift, Heft 2/1999 (130. Folge), Seite 229-231

 

Erste Hürde für Volksentscheid gegen Reform in Berlin gemeistert!

Die Berliner Rechtschreibreform-Gegner haben die erste Hürde auf dem Weg zu einem Volksentscheid gemeistert. Innerhalb von sechs Monaten sammelte der in der Hauptstadt gegründete „Berliner Verein für deutsche Rechtschreibung und Sprachpflege e. V.” (BVR) 35900 Unterschriften für die Zulassung eines Volksbegehrens, von denen nun 33738 (94%) amtlich anerkannt worden sind. Dies teilte Gernot Holstein, der Sprecher des Vereins, am 10. April in einer Presseaussendung mit.

Der Berliner Senat hat dem nächsten Schritt auf dem Weg zum Volksentscheid zugestimmt: Das Volksbegehren „Schluß mit der Rechtschreibreform” hat am 10. Mai 1999 begonnen. Innerhalb von zwei Monaten haben die Berliner dann die Gelegenheit, sich in die Unterschriftsbogen in den von den Bezirken bestimmten 91 Auslegungsstellen einzutragen. Wenn mindestens ein Zehntel der Berliner Wahlberechtigten (rund 243000) gegen die Reform unterschreibt, wird es im Herbst zum endgültigen Volksentscheid über die „Reform” kommen.

Es ist das Ziel des Vereins, das Berliner Schulgesetz zu ergänzen. Es soll die Formulierung aufgenommen werden, die in der „Sprachgemeinschaft gewachsene und von der Bevölkerung allgemein anerkannte traditionelle Rechtschreibung nachzuvollziehen und die Schüler in dieser zu unterrichten”.

Für weitere Auskünfte wenden Sie sich bitte an den Sprecher des BVR,

Herrn Gernot Holstein
Schönwalder Straße 75
13585 Berlin
Fernruf und -bild: (030) 3755121.

H. Rösler

 

Österreich: Reform ungeliebt, aber trotzdem angewendet

Die neue Rechtschreibung wird von den Österreichern nicht geliebt, dennoch wenden sie schon fast eine Mission an. Dieses Ergebnis veröffentlichte kürzlich das Linzer Meinungsforschungsinstitut „Spectra”.

Bei einer Umfrage unter 1000 Personen im Februar 1999 erklärten 14%, die neue Rechtschreibung anzuwenden. 74% gaben an, nach den bisherigen Regeln zu schreiben. 4% behaupteten, nie zu schreiben; 8% machten keine Angaben.

Die Hauptanwender der Reformschreibung sind altersmäßig gesehen die 15 bis 29jährigen mit einem Anteil von 24%, bezogen auf die Bildungsschicht führen die Akademiker und Maturanten mit 25%.

Gutgeheißen werden die neuen Regeln derzeit nur von 10% der Befragten. 54% lehnen sie ab, 28% stehen der Rechtschreibung gleichgültig gegenüber.

Aber auch bei den Anwendern sind, wie man bei „Spectra” herausfand, immerhin noch 41% gegen die Reform. Das heißt im Klartext: Vier von zehn Reformschreibern tun dies mehr oder minder gegen ihre Überzeugung!

Quelle: APA vom 18.3.1999, bearbeitet von H. Rösler.

 

CityNightLine

Als die Hottentotten im tiefsten Afrika von einem militärisch überlegenen Nachbarvolk unterworfen worden waren, übernahmen sie zwar manches an Kleidung und Gebaren der Sieger, doch an ihrer Sprache hielten sie unbeirrt fest.

Leider stehen gewisse gesellschaftliche Führungskreise Mitteleuropas nicht auf der Kulturstufe der Hottentotten. Was beispielsweise in einer geradezu abartigen Durchsetzung der deutschen Sprache mit (amerikanischem) Englisch von oben herab zum Ausdruck kommt.

Jüngster Fall: Die Bahn nennt ihren neuen, großzügig ausgestatteten Nachtzug, der von Berlin über Dresden nach Zürich führt, CityNightLine. Ganz abgesehen von der blödsinnigen Zusammenschreibung: warum konnte man denn einem Zug keinen deutschen Namen geben, der Deutschlands Hauptstadt Berlin mit Zürich in der Deutschschweiz, der alten deutschen Reichs- und größten eidgenössischen Stadt, wo Deutsch Mutter- und Amtssprache ist, verbindet? Er verläßt nicht den deutschen Sprachraum, fährt ganz bestimmt nicht über London oder Washington und auch die Reisenden sind zu 99% weder Engländer noch Bürger der USA.

Leuten wie Kant, Goethe, Schiller, aber auch Gottfried Keller und Conrad Ferdinand Meyer (die wohl bedeutendsten Schweizer Dichter) hat die deutsche Sprace vollkommen ausgereicht, um sich verständlich zu machen und so ganz nebenbei Werke zu verfassen, die zu den bedeutendsten Zeugnissen der Sprachkunst der Menschheit gehören. Warum um alles in der Welt ist es dann verdammt nochmal nicht möglich, einen Zug von Berlin über Dresden nach Zürich auf gut deutsch zu benennen?

A. Bär

 

Fehlende Kenntnis der deutschen Schreibschrift als Mangel empfunden

Der bekannte österreichische Schriftsteller und Universitätsprofessor Alois Brandstetter äußert sich in seinem Roman „Schönschreiben” zum Thema „Deutsche Schreibschrift” wie folgt: „Obwohl mein erster Einschulungsversuch in das Jahr 1944 fiel, der freilich nach wenigen Monaten abgebrochen werden mußte, wegen der Kriegsereignisse und der Fliegerangriffe, und ich dann erst im Herbst 1945 richtig beginnen konnte, bekam ich schon bei jenem ersten Versuch nur noch die lateinische Schreibschrift und nicht mehr die Kurrentschrift, die damals auch oft die >gotische< genannt wurde, beigebracht.

Meine älteren Geschwister lernten noch beide Schriften ..., wuchsen also zweischriftig auf. Als ich fünfzehn Jahre später Deutsch und Geschichte studierte und mich ganz besonders zur älteren Abteilung und ihren alten Schriften und Handschriften hingezogen fühlte, erlebte ich jenen fehlenden Unterricht in >gotischer< Schrift als ausgesprochenen Mangel: >Scriptura currens defecit<. Ich habe die Kurrentschrift natürlich nachgelernt, doch alles, was man zu spät beginnt, lernt man nicht mehr richtig und gründlich. Und so liegen meine Kenntnisse eher im Passiven als im Aktiven. Und da ich im wesentlichen in Kurrent nicht viel mehr als meinen Namen zusammenbringe, muß ich mich, was das angeht, als einen partiellen Analphabeten bezeichnen.”

Ob die mahnenden Worte von Alois Brandstetter von den verantwortlichen Stellen gehört und entsprechend umgesetzt werden? Man kann es sich nur wünschen.

Dr. Franz Kranlich

Quelle: Alois Brandstetter, „Schönschreiben”; Auszug aus den Seiten 6 und 7. Residenz-Verlag, Salzburg 1997.