Heft 3/1999 (Folge 131), Seite 256

 

Erwin Schmidt

Es folgte auf Barbarossa

Gedanken über die Hintergründe des Schrifterlasses von 1941

 

Im Jahre 1941 bestand kein zwingender Grund, die Frakturschrift abzuschaffen. Der Flaggenstreit um Schwarz-Weiß-Rot und Schwarz-Rot-Gold hatte die Gemüter während der gesamten zwanziger Jahre erhitzt. Hingegen gab es anfangs der vierziger in Sachen Fraktur-Antiqua (zumindest im Volke) kein Für und Wider: Die meisten Veröffentlichungen erschienen ohnehin deutschschriftig.

Adolf Hitler handelte nach dem Grundsatz des unumschränkten Führerstaates. Die Besprechung vom 3. Januar 1941 auf dem Obersalzberg war eine Befehlsausgabe mit anschließender Erörterung von Ausführungsbestimmungen. Keiner der Mitanwesenden - am wenigsten der Verleger und der Buchdrucker - wußte, daß Hitler bereits am 13. Dezember 1940 die militärische Weisung Nr. 20 zum Unternehmen „Marita” mit Zielrichtung Griechenland und fünf Tage darauf die verhängnisvolle Weisung Nr. 21 „Barbarossa” zum Feldzuge gegen die Sowjetunion unterzeichnet hatte. Hitler war sich seines Erfolges sicher. Am Sylvesterabend 1940, den er auf dem Obersalzberg verbrachte, erhob er sein Glas um Mitternacht auf den Endsieg des kommenden Jahres(1). Eine Vorplanung war geboten, vollendete Tatsachen sollten rechtzeitig geschaffen werden. Daher beorderte er drei Tage später Bormann und die zwei „Berater” auf den Berghof.

Die Begründung für die einzuführende „Normalschrift” mit der gleichzeitig rassistisch motivierten Abwertung der Schwabacher Schrift war irreführend und kläglich, ja: sie war unnötig. Denn die Fraktur wurde, wie sich bald erweisen sollte, beim Erfüllungseifer der Dienststellen auf dem Verwaltungswege sowieso schnell und lautlos hinausgedrängt.

Den wahren Grund zur Ächtung der „sogenannten gotischen Schrift” erfahren wir aber durch einen Ausspruch Hitlers im Führerhauptquartier vom 3. November 1941(2), als deutsche Truppen bereits die Vororte von Moskau erreicht hatten: „Unsere Sprache wird in hundert Jahren die europäische sein”. Und sinngemäß weiter: „Bei ihrer Erlernung solle nicht - dem Russischen gleich - die Fremdheit der Buchstaben >Mühsal< bereiten”.

Die Abschaffung der „Gotischen Schrift” entsprang der Ablehnung der Fraktur durch Hitler; die Durchsetzung der lateinischen „Normalschrift” sollte zudem auch seinen europäischen Großraumplänen dienen. Privatästethische Gesichtspunkte und ein politisches Kalkül verbanden sich und schufen so die Grundlage für eine einseitige Weiterentwicklung: die heikle Lage, in die ein achthundertjähriges Kulturgut geraten ist.

Schrifttum:

(1) Dietrich, Otto: "12 Jahre mit Hitler". Atlas-Verlag, 1955

(2) Delbanco, Helmut: „Das Verbot - (k)ein Blitz aus heieterm Himmel”. In „Die deutsche Schrift”, Heft 64 (Frühjahr 1981)