Heft 3/1999 (Folge 131), Seite 256

 

Sprachpanscher des Jahres 1999

Der in Dortmund ansässige und äußerst rührige „Verein zur Wahrung der deutschen Sprache” kürt jährlich eine Person des öffentlichen Lebens zum „Sprachpanscher des Jahres”, die für auffallenden Gebrauch sinnloser Fremdwörter verantwortlich zeichnet.

Diese „Auszeichnung” für 1999 wurde am 10. September in Berlin an den Vorstandsvorsitzer der Deutschen Bahn AG, Dr. Johannes Ludewig, verliehen. Die DB-AG zählt seit vielen Jahren zu den Vorreitern im Gebrauch von unsinnigen Fremdwörter. Nachdem die Fahrgäste schon längere Zeit mit Gebilden wie „ICE” und „InterRegio” leben und sich über „BahnCard”, „Servicepoint” oder „Park and Ride” ärgern mußten, ist die Sprachpanscherei jetzt auch gemeingefährlich geworden. Denn wer auf einem Bahnhof mal „muß”, wird das bisher mit WC bezeichnete stille Örtchen bald vergeblich suchen. Es verbirgt sich nämlich jetzt hinter „MacClean (safe and clean toilets)”!

Bei der Verleihung des Preises, den Ludewig unter großer Beteiligung von Presse und Fernsehanstalten persönlich entgegennahm, zeigte sich der Vorstandsvorsitzer einsichtig und versprach Besserung. Ob dieses Versprechen bei der DB-AG tatsächlich umgesetzt wird oder Ludewig es bereits im Wissen seiner kurz darauf erfolgten Ablösung gab, wird sich zeigen.

H. Süß

Private Rechtschreibung

Die Umsetzung der Rechtschreibreform durch die Presse zeitigt wilde Auswüchse. Nachdem bereits die Nachrichtenagenturen vereinbart hatten, ab 1. August 1999 eine eigene, von den Reformbestimmungen abweichende Schreibe anzuwenden, so haben sich manche Zeitungsverlage bestimmt gefunden, dazu noch eigene Schreibregeln zu erfinden und anzuwenden.

Die in Österreich erscheinende Wochenzeitschrift „WirtschaftsBlatt” ist eine dieser Veröffentlichungen. In der ersten „Reformschreib-Ausgabe” vom 2. August erfährt der Leser nicht nur, daß er ab sofort mit der neuen Schreibe beglückt wird, sondern daß die Redaktion auch gleich die „nächste, weil unausweichliche Reform in einem Punkt vorweggenommen hat” und jedes „ß” gnadenlos durch „ss” ersetzt. Die Begründung für diesen vorauseilenden Gehorsam wird gleich mitgeliefert: Die Redaktion hält es nämlich für sinnlos(!), daß man nach lang gesprochenen Selbstlauten „ß” verwendet.

Schlußfolgerung für den redaktionsgläubigen Durchschnittsleser: Jeder darf und soll sich seine eigene Rechtschreibung zusammenbasteln. Als kritischer Betrachter des Geschehens um die „Reform” aber fragt man sich zwangsläufig, ob die „Reformer” diese Auswirkungen in wissenschaftlicher Blauäugigkeit übersehen oder bewußt hingenommen haben.

Tatsache bleibt: Es gibt in absehbarer Zeit keine einheitliche deutsche Rechtschreibung mehr, die Sprachebene wird dadurch gesenkt. Ob das wirklich alles nur Zufall ist?

H. Süß

Sprachvereins-Treffen in Graz

Auf Einladung des Vereins „Interessensgemeinschaft Muttersprache in Österreich, Graz” fand vom 9. bis 11. September 1999 in der steirischen Landeshauptstadt Graz erstmals eine länderübergreifende Tagung der Sprachvereine statt, an der auch unser Bund vertreten war.

Auf der von Univ. Prof. Dr. Werner Pfannhauser (IG Muttersprache, Graz) geleiteten Tagung hatten die teilnehmenden Vereine zunächst Gelegenheit, sich und Ihre Tätigkeit vorzustellen. In der Folge wurde über erfolgreiche Vorhaben aus der Praxis berichtet, wo besonders der „Verein zur Wahrung der deutschen Sprache” Erfolge aufzählen konnte, die auch in den Medien positiven Widerhall (siehe Beitrag „Sprachpanscher des Jahres”) gefunden haben. Im Rundgespräch wurden Erfahrungen ausgetauscht und über eine mögliche gemeinsame Zusammenarbeit gesprochen.

Die Vermeidung von englischen Fremdwörtern stellte gleichsam den kleinsten gemeinsamen Nenner in den Zielsetzungen der vertretenen Sprachvereine dar. Dieser Nenner, der aber keineswegs so klein ist, wurde in einer einstimmig gefaßten Entschließung festgehalten, die auch in einem Pressegespräch den anwesenen Berichterstattern vorgestellt wurde. Diese Presseerklärung ist in der inhaltlich unveränderten, aber von einigen Fremdwörtern bereinigten Fassung des BfdS auf Seite 260 wiedergeben.

Das Treffen der Sprachvereine in Graz kann als Beginn einer Zusammenarbeit von Vereinigungen und Bürgern angesehen werden, die für die Erhaltung der sprachlichen und kulturellen Vielfalt Europas eintreten und sich gegen jenen künstlichen Einheitsbrei wenden, in dem wir sonst in absehbarer Zukunft zu versinken und ersticken drohen.

H. Süß