Heft 3/1999 (Folge 131), Seite 242

 

Anselm S. Bär

Ludwig Sütterlin - Bekannt und doch vergessen

 

Von den vielen Schriftkünstlern, die bedeutende Schriften geschaffen haben, ist wohl kaum einer im Volke namentlich so bekannt geworden wie Ludwig Sütterlin, denn rund 20 Schülergenerationen haben nach seinen Schreibvorlagen gelernt und ihre Handschrift geformt.

Ludwig Sütterlin wurde am 23. Juli 1865 in Lahr im Schwarzwald geboren und entstammte einem alten Hugsweirer Geschlecht - einer seiner Ahnherren kam in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges aus dem Markgräflerland. Über Sütterlins Jugend und Schulzeit ist so gut wie nichts bekannt. Er muß jedenfalls um 1890 nach Berlin Übersiedelt sein, wo er dann den Beruf eines Graphikers ausübte und nicht zuletzt dadurch bekannt wurde, als er 1894 die Zeichnungen anläßlich des Jubiläums der „Berliner Elektricitätswerke AG” schuf und 1896 den ersten Preis bei einem Plakatwettbewerb für die Berliner Gewerbeausstellung errang. Mehrere Jahre wirkte Sütterlin als Lehrer an der „Unterrichtsanstalt des königlichen Kunstgewerbemuseums zu Berlin”, den späteren „Vereinigten Staatsschulen für freie und angewandte Kunst”, wo er u.a. Lehrgänge in künstlerischer Schrift abhielt.

Sütterlin erhielt 1911 vom kgl. preußischen Kultusministerium den Auftrag, Schreiblehrgänge für Vor- und Volksschullehrer an Berliner Schulen abzuhalten. Im Rahmen dieser Lehrgänge, die den Charakter von Arbeitsgemeinschaften hatten, entstand im wesentlichen die heute bekannte Sütterlin-Schreibweise. Sie wurde 1914 dem preußischen Kultusminister und einem Sachverständigen-Ausschuß vorgelegt und von diesen für schultauglich befunden.

Was war nun neu an Sütterlins Lehrmethode? Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts hatte die spitze Stahlfeder die vorher verwendeten Kielfedern verdrängt. Der charakteristische Schwellzug der von uns heute so bewunderten „Kurrentschriften” mit ihren ausgeprägten Haar- und Schattenstrichen erforderte eine unnatürliche Handhaltung, wechselnden Schreibdruck und damit viel Übung und war daher vor allem für Grundschüler eine schwierige Hürde. Sütterlin griff nun die Gedanken des von ihm geschätzten großen Schriftreformers Rudolf v. Larisch (1856-1934) auf und entwickelte eine kindgerechte Methode für Schreibanfänger: Als Schreibwerkzeug dient eine Gleichzug- oder Redisfeder, die ohne schwierigen Druckwechsel eine einheitliche Strichstärke erzeugt. Alle Buchstaben stehen senkrecht und sind nahezu geometrisch aus Geraden und Kreisformen zusammengesetzt. Die Lineatur ist im regelmäßigen Verhältnis 1:1:1 gehalten.

Ludwig Sütterlin verstand seine Lehrmethode nicht als starres Vorbild für eine Gebrauchsschrift des Alltags, sondern als Einstiegsschrift für Schulanfänger, die aus diesem Grundgerüst im Laufe der Zeit ihre eigene Handschrift entwickeln sollten. Deshalb ist auch der oft erhobene Vorwurf, Sütterlins Schrift sei steif und künstlerisch nicht wertvoll, unter diesem Gesichtspunkt keineswegs gerechtfertigt. Wenig bekannt ist, daß Sütterlin neben der deutschen auch eine lateinische Schreibschrift nach den gleichen Gesetzmäßigkeiten entworfen hat.

Die Sütterlin-Lehrmethode wurde zunächst 1914 versuchsweise an einigen Berliner Schulen eingeführt und schließlich 1924 für ganz Preußen verbindlich erklärt. Die meisten anderen deutschen Länder (z.B. Thüringen und Oldenburg 1929, Hessen 1930, Baden und Danzig 1931) folgten dem Vorbilde Preußens, so daß ab etwa 1930 in Deutschland vorwiegend nach Sütterlins Lehrmethode unterrichtet wurde. Auch die von Alois Legrün entworfene und ab 1926 in Österreich eingeführte Schulausgangsschrift lehnte sich stark an Sütterlins Formensprache an.

Sütterlin war es nicht mehr vergönnt, den durchschlagenden Erfolg seiner Schreibmethode zu erleben. Er starb in Berlin am 20. November 1917, nach einer Quellenangabe wohl als eines der vielen Opfer der Hungerblockade gegen Deutschland im Ersten Weltkrieg. Seine Mitarbeiter führten aber sein Werk fort und sorgten nicht zuletzt durch zahlreiche Veröffentlichungen, von denen einige nachfolgend angeführt sind, für die Breitenwirkung seiner Lehrmethode. Als 1934 in Deutschland erstmals die Schulschrift von Staats wegen vereinheitlicht wurde, schuf man zwar neue Vorlagen, die aber im wesentlichen Sütterlins Buchstaben zum Vorbild hatten.

Sütterlins großer und auch damals kaum erkannter Verdienst war es, daß er in einer Zeit des Umbruchs in Kunst und Kultur eine neue deutsche Schreibschrift unter Berücksichtigung neuester didaktischer Erkenntnisse, aber auf der Grundlage der historischen Schriftentwicklung geschaffen hat. Daß auch ein anderer, für die deutsche Schreibschrift folgenschwerer Weg möglich gewesen wäre, zeigt das Beispiel des Schweizer Reformers Paul Hulliger, der Ende der zwanziger Jahren mit seiner Lehrmethode die deutsche Schreibschrift aus den Schweizer Schulen verbannt und damit zumindest in der Eidgenossenschaft eine kulturelle Weiche gestellt hatte.

Sütterlins deutsche Schreibformen, deren Schicksal schon im Archiv der Schriftgeschichte besiegelt schien, sind heute wieder für den Satz auf dem Rechner verfügbar. Neben anderen hat auch Klaus Burkhardt (86825 Bad Wörishofen, Waldseeweg 3a) diese Schrift setzbar gemacht.

Schrifttum:

(1) Larisch, Rudolf von: „Unterricht in ornamentaler Schrift”. Verlag der österr. Staatsdruckerei, Wien 1905.

(2) Löw, Theodor: „Gebrechen unseres Schulschreibsystems”. Bayerische Verlagsanstalt Karl Th. Senger, München 1913.

(3) Sütterlin, Ludwig: „Neuer Leitfaden für den Schreibunterricht”. Verlag Albrecht-Dürer-Haus, Berlin 1917.

(4) Jungk, Waldemar: „Mit Sütterlin zur Schul- und Lebensschrift”. Verlag Heintze&Blanckertz, Berlin o. Jg. (um 1925).

(5) Melchior, Friedrich: „Neugestaltung des Schreibunterrichts nach Sütterlin” Verlag Heintze&Blanckertz, Berlin 1927.

(6) Rose, Heinrich: „Die Sütterlin-Schreibweise”. Verlag Brause&Co, Iserlohn 1930.

(7) Süß, Harald: „Deutsche Schreibschrift - Lesen und Schreiben lernen”. 5. Aufl., Augustus-Verlag, Augsburg 1995. ISBN 3-8043-0372-2