Heft 1/1999 (Folge 129), Seite 202

 

Joseph Pater

Deutsche Sprache - schwere, aber auch gefährliche Sprache?

 

Es ist gefährlich geworden, in Deutschland noch deutsch zu sprechen. Wenigstens, wenn man bei der Deutschen(?) Lufthansa arbeitet. Bei flüchtiger Betrachtung könnte man die Sache als ein Stück aus dem Tollhaus abtun, aber wir befinden uns im Deutschland des ausgehenden Jahrtausends. Manche nennen es auch das „wilde Absurdistan”...

Da war es einem Diplomingenieur bei der Lufthansa Technik AG zu dumm, seinen „time frame” (Zeitrahmen) im Auge zu behalten, um die alert line nicht zu overshooten (die letzte Frist nicht zu versäumen). Für solche „randscharfen” englischen Begriffe wie wing und engine verwendete er die deutschen Wörter „Tragfläche” und „Triebwerk”. Sehen wir doch einmal im Wörterbuch nach, welche Bedeutungen alle zur Auswahl stehen:

Hier erkennen wir ein Maß an Eindeutigkeit, das dem rheinischen „So än Dingen” oder dem westfälischen „Pin” vergleichbar ist. Wie die Lufthansa darauf kommt, daß dies „spezifische Fachausdrücke” seien, wissen allein die Götter - von denen es ja auch heißt, daß selbst sie gegen die Dummheit vergebens kämpfen.

Kurz und schlecht - die Lufthansa-Tochter wirft ihrem Diplomingenieur einen Verstoß gegen die Dienstanweisung vor, in der „die Benutzung spezifischer Fachausdrücke zweifelsfrei geregelt” sei.

Der Mitarbeiter wurde abgemahnt, weil seine Verdeutschungen zu „zusätzlichem Arbeits- und Zeitaufwand” führen würden, da sich die deutschen Begriffe in den „offiziellen Arbeitsunterlagen” nicht wiederfänden. Die von dem Maschinenbauingenieur verwendeten deutschen Ausdrücke entsprächen „nicht dem Standard eines Wartungsbetriebes für Luftfahrtgerät”. Auf den Gedanken, daß es mit der Zweifelsfreiheit nicht weit her sein könnte und vielleicht die ganze Dienstanweisung eine Überarbeitung vertrüge, kam man offensichtlich nicht. Lieber spielt man das makabre Spiel weiter und setzt auf Disziplinierung zur Durchsetzung der „Räson”. Wenn der Mitarbeiter diese und ähnliche „Manipulationen” der Wochenberichte nicht unterließe, werde man „vor einer Beendigung des Arbeitsverhältnisses nicht zurückschrecken”.

Zur Zeit will das Unternehmen nicht über den Fall sprechen. Einer Pressemeldung ist zu entnehmen, daß der Personalleiter Klaus Wachenheim eine Stellungnahme mit den Worten „über interne Dinge kann ich schon aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht sprechen” ablehnte. Wo dieser Datenschutz ansetzen soll, da der Name des Betroffenen längst bekannt ist, ließ der Firmenvertreter offen. Vielleicht ist der Datenschutz ja auch nur vorgeschoben, und man versucht die Sache durch eisernes Schweigen aus der Öffentlichkeit zu halten ...? Pech nur für die Lufthansa-Tochter, daß sie zwar die Zurückhaltung der katholischen Kirche bei der Beantwortung unbequemer Fragen nachahmt, aber keine Gehorsams- und Schweigegelübde der Mitarbeiter kennt. Ins Kloster sperren kann man den Widersetzlichen auch nicht; da bleibt dann wohl nur „Augen zu und durch” - weil man ja keinesfalls eigene Fehler zugeben kann (Seine Heiligkeit müßte erblassen vor so viel Unfehlbarkeit). Lieber geht man vor Gericht. Glaubt man, den Mitarbeiter mit jahrelangem Geplänkel durch alle Instanzen zermürben zu können? Hoffen wir, daß das keinen Erfolg hat, versichern wir den Diplomingenieur unserer moralischen Unterstützung. Der Verfasser weiß jedenfalls, welcher Fluggesellschaft er in Zukunft keinen Flugschein abkaufen wird.