Heft 4/1999 (Folge132), Seite 274-275

 

Joseph Pater

Wenn man die falsche Sprache fördert...

Merkwürdige Maßstäbe, die nur für die deutsche Sprache gelten

 

Der Fall des Lufthansa-Ingenieurs, der fremdsprachige Begriffe eindeutschte und dafür von seinem Arbeitgeber abgemahnt wurde, hat ein unrühmliches Ende gefunden. Das Arbeitsgericht Frankfurt am Main wies seine Klage auf Entfernung der Abmahnung aus der Personalakte zurück. Die vorsitzende Richterin erklärte in der Urteilsbegründung, das Unternehmen habe sich mit der Abmahnung zu Recht auf sein arbeitgeberseitiges Weisungsrecht berufen. Die Herausnahme der englischen Begriffe aus den Berichten seien „Eigenmächtigkeiten des Arbeitnehmers, die das Unternehmen so nicht will.” Eine entsprechende Weisung könne daher notfalls auch mit einer Abmahnung durchgesetzt werden.

Halten wir also fest: der Lufthansa wurde von einem deutschen Gericht bestätigt, daß ihr Verlangen nach englisch-deutschem Sprachgemisch (sog. Pidginsprache) rechtlich abgesichert sei. Die Lufthansa darf ihre Betriebssprache also selbst festlegen.

Das war Fall eins.

„Betriebssprache ist deutsch” übertitelt der Wiesbadener Kurier eine Meldung, in der er von Protesten gegen einen solchen Vorstoß berichtet. Ein Fuhrunternehmer, der auch Aussiedler beschäftigt, hatte die Verwendung der deutschen Sprache von seiner Belegschaft gefordert. Seinen Bekundungen nach wollte er die Integration der Aussiedler unterstützen und befürchtete, daß die Verständigung mit seinen Kunden litte. Auch unnütze Kosten waren dem Unternehmer bereits entstanden, als acht von zehn Aussiedlern mangels deutscher Sprachkenntnisse einen Lehrgang über Gefahrguttransporte nicht abschließen konnten.

In diesem Falle war nichts davon zu hören, daß eine Firma ihre Betriebssprache selbst festlegen dürfe. Das Ansinnen des Spediteurs stieß auf Kritik von Seiten des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Von Verstößen gegen Betriebsverfassungs- und Grundgesetz war die Rede. Einen „Höhepunkt von Unternehmerwillkür” machte der DGB-Sprecher aus. Wahrscheinlich war ihm der Fall bei der Lufthansa entgangen - oder er mißt mit zweierlei Maß.

Merke: wenn die deutsche Sprache verhunzt werden soll, geht das nach heutiger Lesart in Ordnung, da kann ein Unternehmer tun, was er will. Das ist dann keine Willkür, sondern gutes(!) Recht. Soll aber das Deutsche gepflegt oder gefördert werden, ist es Rassismus; wohl, weil es sich eben um die deutsche Sprache handelt und nicht irgendeine beliebige, Hauptsache andere.

Im Oktober sorgte ein Schulleiter für republikweites Aufsehen, als er die Eltern seiner Schüler bat, besonders die, „die nicht Deutsch als ihre Muttersprache sprechen”, darauf hinzuwirken, daß auf dem Schulhof die deutsche Sprache verwendet werden solle.

Er bat. Er sprach keine Abmahnung aus. Er begründete und wies nicht an.

Die von Hause aus aufgeregten Wächter politisch-korrekter Gesinnung ließen das Argument des Lehrers nicht gelten, er habe die Integration der fremdsprachigen Schüler fördern wollen. „Muttersprache läßt sich nicht verbieten”, tönte es. Das hatten zwar weder der Fuhrunternehmer noch der Schulleiter vor - bezogen sie sich doch, wie auch die Lufthansa, auf ihren eigenen Betrieb bzw. auf die eigene Schule - das aber zählte hier nicht.

Das Wissen darum, daß sich Muttersprache sehr wohl verbieten läßt, und zwar sogar gerichtlich abgesegnet (wie vorher erwähnt), wurde in Berichten und Kommentaren der gut unterrichteten Journalisten erfolgreich verdrängt. Eine derartige Verlogenheit läßt sich auch mit dem breitesten Mantel der Nächstenliebe nicht mehr zudecken.

Es hat beiden - dem Fuhrunternehmer und dem Schulleiter - nichts genützt, ihre hehren Ziele der Ausländerintegration gehörig herauszustellen. Sie hatten das Pech, zur falschen Zeit am falschen Ort die falsche Sprache fördern zu wollen: im ausgehenden Jahrtausend in Deutschland die deutsche Sprache. In beinahe jedem anderen Lande dieser Erde wären ihre Vorstöße wohl begrüßt worden; in dem unseren durften sie nicht damit rechnen. Sie haben an ein Tabu gerührt, und in dieser Beziehung treffen sie im Deutschland der Neunziger Jahre auch auf das Verhalten von Naturvölkern. In Fragen der eingeengten Sichtweise, des Messens mit zweierlei Maß, der Unduldsamkeit und der Verbohrtheit stellen die heutigen deutschen Tugendwächter die französischen Jakobiner in den Schatten. Nur gut, daß heute niemand mehr mit dem Fallbeil über Land fährt.

Die oben beschriebenen Fälle sind kleine Steinchen in einem nicht gerade schmeichelhaften Geschichtsmosaik. Größere Flächen nimmt z.B. das Aushebeln der Volksentscheide in Schleswig-Holstein, Bremen und Berlin ein. Es mag größere und wichtigere Themen geben; auf lange Sicht aber ist die Arroganz der Macht schädlich, weil sie sich summiert.

Die Deutschen sind in der Regel geduldig. Man sollte aber ihre Geduld nicht überdehnen. Etliche beginnen bereits - vorerst noch leise - zu murren. Das dürfte sich steigern. Es mag künftig unblutiger zugehen als vor 200 Jahren in Frankreich, aber die Anzeichen mehren sich, daß die deutsche Evolution eines Tages ihre Kinder fressen wird.