Heft 1/1999 (Folge 129), Seite 184

 

Elke und Dr. Gundolf Fuchs

Widerstand gegen die Rechtschreibreform

Erkenntnisse über und Maßnahmen gegen die Reform

 

Es ist bekannt, daß die überwiegende Mehrheit der Bürger ziemlich fest in der Hand der Meinungsmacher ist. Aber auch die Mehrheit derer, die zu der verbleibenden Minderheit gehört, hat noch nicht erfaßt, daß mehr als nur das Erkennen von Mißständen und gefährlicher Beeinflussung erforderlich ist, wenn Wandel geschaffen werden soll - nämlich entschiedene Abwehrbereitschaft.

Nun sind die Gefahren beim Abwehren für den einzelnen je nach Art des Mißstandes durchaus unterschiedlich, und damit kommen wir zum Anlaß dieser Betrachtung.

„Experten” haben jahrzehntelang an einer Rechtschreibreform gebastelt. Ihr erstes Ziel war eine durchgreifende „Vereinfachung”, die aber ein Herabzerren auf niedrige Stufe bedeutete, nämlich die Abschaffung der Großschreibung der Hauptwörter. Dieses Vorhaben scheiterte am Widerstand einer ganz kleinen Minderheit, die solches Einebnen scharf ablehnte. Das geschah ohne große Beteiligung der Öffentlichkeit. Dann war es eine Zeitlang ziemlich still, bis man Anfang dieses Jahrzehnts mit einer abgewandelten „Reform” an die Öffentlichkeit trat. Wieder wurde das Zauberwort „Vereinfachung” gewählt und brachte zunächst weitgehende Zustimmung. Als dann aber das neue Regelwerk näher bekannt wurde und erst recht, als die Wörterlisten dazu herauskamen und dabei viel Widersinniges offenbar wurde, da regte sich sehr heftiger Widerstand.

Die „Mächtigen”, gewohnt den Volkswillen nicht zu beachten, waren zwar verwundert über den Widerstand, glaubten aber dennoch ihr Ziel durchsetzen zu können. Sie mußten aber bald erkennen, daß sich in diesem Falle der Volkswille Geltung zu schaffen drohte. Als erste Gegenmaßnahme wurde die „Reform” vorzeitig in vielen Schulen eingeführt. Vorgesehener Zeitpunkt war der Beginn des Schuljahres 1998/99, eingeführt wurde die „Reform” ab Schuljahr 1996/97! Man wollte also vollendete Tatsachen schaffen, bevor sich der Volkswille auf dem langen Weg bis zu einem Volksentscheid doch noch durchsetzen könnte. Getreu dem Grundsatz „Teile und herrsche” sprachen die Befürworter ab 1998 das Mitgefühl mit den Schulkindern an, die bei einer Rücknahme der „Reform” wieder umlernen müßten. Damit konnten sie auch einige Eltern auf ihre Seite ziehen. Trotzdem zeichnete sich Mitte 1998 für den bevorstehenden Volksentscheid in Schleswig-Holstein ein deutliches Nein ab. Da griff die Befürworterseite zu der wirksamsten Waffe. Sie drohte, daß Schleswig-Holstein bei einem Nein zur „Reform” zu einer „Rechtschreibinsel” in der Bundesrepublik würde. Diese Drohung war entweder eine Lüge oder kündigte den Wortbruch der Kultusministerien und anderer Einrichtungen an, die zuvor erklärt hatten, wenn ein Bundesland ausschere, sei die „Reform” gescheitert!

Diese Drohung bewirkte dann auch, daß das Verhältnis Gegner zu Befürwortern beim Volksentscheid ganz erheblich zur Seite der Befürworter verschoben wurde. Trotzdem lagen die Gegner noch deutlich vorn. Ohne diese -nun tatsächlich unter Wortbruch wahrgemachte - Drohung hätte das Ergebnis wahrscheinlich die Umfrageergebnisse bestätigt, die besagten, daß 80 v.H. der gesamten deutschen Bevölkerung die „Reform” ablehnten!

Im Vertrauen auf das Wort der Kultusminister hatten „Reform”-Gegner aus allen Bundesländern mitgeholfen, in Schleswig-Holstein die Voraussetzung für einen Volksentscheid zu schaffen. Es sei hier ganz deutlich betont, daß dabei keine Stimmungsmache gegen die „Reform” betrieben zu werden brauchte, sondern die Bürger nur aufgerufen wurden, von einem bestehenden Einspruchsrecht Gebrauch zu machen.

Durch die nicht eingehaltene Zusage der „Reform”-Betreiber ist die Abwehr in den anderen Bundesländern sehr erschwert, denn es wurde versucht, vollendete Tatsachen zu schaffen, einen Zustand, durch den sich die Anzahl der Abwehrwilligen leider erheblich verringern ließ. Das Argument „Es ist ja doch schon zu spät” fand allerhand Gläubige. Darum sei die Behauptung vom „Umlernenmüssen” noch einmal kritisch unter die Lupe genommen: Erst- und Zweitkläßler werden hauptsächlich mit den einfachen neuen Regeln zur „s”-Schreibung vertraut gemacht. - Bei den etwas schwierigeren Regeln machen selbst die Befürworter der „Reform” Fehler! - Die Haupteinwände gegen die „Reform” betreffen also Schulanfänger noch gar nicht! Und bei den älteren Schülern ist der Umlernprozeß ohnehin noch nicht so weit fortgeschritten, daß ein Zurück mehr Schwierigkeiten machte als ein vollständiges Erlernen der neuen Regeln. Wenn einige Schüler tatsächlich meinen, für sie seien Erleichterungen geschaffen, so daß sie weniger Fehler machten, dann sind sie einer Täuschung verfallen. In der Übergangszeit werden „Schreibweisen” nur dann als Fehler angestrichen, wenn sie weder nach der alten noch nach der neuen Rechtschreibung anerkannt werden können. Diese „günstige” Lage bleibt aber nicht erhalten, wie der Begriff „Übergangszeit” verdeutlicht.

Das Unsinnige an der neuen Rechtschreibung sei nur an einem sinnfälligen Beispiel aufgezeigt. Künftig soll „hochgebildet” weiterhin zusammengeschrieben, dagegen „hochbegabt” getrennt geschrieben werden, also „hoch begabt”. Dazu kann man nur feststellen: Jemand kann hochgebildet und hochbegabt sein und muß die unterschiedliche Schreibweise doch auswendig lernen.

Inzwischen sind schon namhafte Sprachwissenschaftler, die mit an der „Reform” gearbeitet haben, zu Gegnern derselben geworden. Als sie forderten, daß erkannte Fehler und Unsinnigkeiten erst einmal berichtigt würden, bevor man die „Reform” an den Schulen einführe, wurden ihre Forderungen von den Kultusministern zurückgewiesen. Warum es die Kultusminister so eilig hatten, wurde ja schon dargelegt.

Das Beharren auf einer unausgegorenen „Reform” zeigt deutlich, daß es sich nicht um eine fachliche Überzeugung, sondern um Machtpolitik handelt. Man will nicht, daß der Volkswille zur Geltung kommt, denn das könnte Schule machen. Und es war doch so schön bisher, daß das Volk zwar aufmucken durfte, aber die „Oberen” dennoch ihre meist ideologischen Ziele durchsetzen konnten. Damit hat die Auseinandersetzung um die „Reform” eine ganz andere Größenordnung bekommen. Es geht auch um die Frage, ob eindeutig erkennbarer Volkswille tatsächlich anerkannt wird, oder ob die freiheitlich-demokratische Grundordnung nur noch auf dem Papier besteht.

Wer diese Ausführungen bisher befriedigt zur Kenntnis genommen hat, wird seine Meinung hoffentlich nicht ändern, wenn jetzt Erwartungen angeführt werden, die sich aus der aufgezeigten Lage ergeben. Jeder Leser sollte sich zu tatkräftiger Mithilfe bei der Abwehr angesprochen fühlen, denn auch in Demokratien bewegen meist nur Minderheiten etwas. In den Bundesländern Berlin, Bremen und Mecklenburg-Vorpommern regt sich unseres Willens der Widerstand am stärksten. Wer nicht Bürger eines dieser Bundesländer ist, kann auch mithelfen, wenigstens dadurch, daß er Verwandte oder Bekannte dort über die Abwehr der „Reform” unterrichtet und sie zur Mithilfe dabei auffordert. Alle Hilfswilligen, natürlich besonders die Bewohner der genannten Länder, werden gebeten, sich an eine der nachfolgend genannten Anschriften zu wenden.

Es gibt zahlreiche unterschiedliche Aufgaben, die hier nicht alle aufgezählt werden können. Eine Meldung zur Mitarbeit bedeutet nicht, daß eine bestimmte Aufgabe zugewiesen wird, sondern es werden die Möglichkeiten durchgesprochen, wie unterstützt werden kann. Wichtigster Punkt ist das Unterschriftensammeln, für das es wiederum vielfältige Möglichkeiten gibt. Wichtig sind auch Ansprechstellen, die landes- oder stadtweit verteilt sind, denn man kann sich im Nahbereich viel besser über notwendige Maßnahmen abstimmen, als von einer entfernten Zentrale aus. Diese Aufgabe können auch ältere Bürger übernehmen, denen eine Beteiligung an Unterschriftensammlungen an Ständen vor Einkaufszentren nicht zugemutet werden soll, die aber dafür keine Rücksicht auf Vorgesetzte im öffentlichen Dienst zu nehmen brauchen. (Fanatische Regierungsvertreter haben „Widerständler” gegen die „Reform” schon gerügt!)

Natürlich ist auch materielle Hilfe nötig. Sie braucht nicht auf Geldspenden beschränkt zu bleiben; so ist z.B. für das erwähnte Unterschriftensammeln an Ständen entsprechendes Gerät erforderlich (Bänke, Tische und ggf. Schirme, bzw. vollständige Marktstände), das z.B. von einer Getränke- oder Marktstandverleihfirma zur Verfügung gestellt werden könnte. An solchen Ständen ist die Unterschriftensammlung in Schleswig-Holstein und auch in Berlin und Bremen am erfolgreichsten gewesen.

Und nun ziehen die Schlußfolgerungen immer engere Grenzen. Diese Ausführungen zeigen nämlich, daß es außer bei sehr hohem Alter oder starker gesundheitlicher Beeinträchtigung nur noch einen Grund gibt, weshalb man seine Mithilfe versagen könnte: die Bequemlichkeit.

Wenn diese Ausführungen anerkannt und beherzigt werden, wird es für die Abwehr der Rechtschreib„reform” mehr Mitarbeiter als in Schleswig-Holstein geben. Die Zeit bringt traurigerweise Gewöhnung auch an änderbare Mißstände mit sich, arbeitet also gegen den Widerstand gegen die „Reform”. Dieser Nachteil wird aber mehr als ausgeglichen, wenn dieser Aufruf viele offene Ohren und Herzen findet!

Anschriften:

Berlin

Dr. Jürgen Brinkmann
Prinz-Handjery-Straße 25
14167 Berlin
Fernruf: (030) 8118794
Fernbild: (030) 811296973

Gernot Holstein
Schönwalder Straße75
13585 Berlin
Fernruf und Fernbild: (030) 3755121

Ernst Steppan
Heine-Straße 2
10179 Berlin
Fernruf und Fernbild: (030) 27592678

Bremen

Petra Ahrens
Kurt-Georg-Kiesinger-Allee 65
28279 Bremen
Fernruf und Fernbild: (0421) 8498934

Mecklenburg-Vorpommern

Ute Bildstein
Sarnowstraße 32
18435 Stralsund
Fernruf (03831)384365
Fernbild (03831) 38408

Hans-Joachim Loge
Pressentinstraße 65
18147 Rostock
Fernruf (0381) 699928

Sigrun Poschenrieder
Dorfstraße 39
17509 Lodmannshagen
Fernruf und Fernbild (038373) 20500