Die deutsche Schrift, Heft 2/1999 (130. Folge), Seite 225-226

 

Dr. Franz Kranlich

Mark Twain als Sprachpfleger

 

In seinem Buch „Bummel durch Europa” (1880) erzählt Mark Twain, wie er in Luzern seinen Reisebegleiter H. Harris beauftragt, Furkapaß, Rhonegletscher, Finsterahorn, Wetterhorn u.a. zu Fuß zu bereisen und darüber schriftlich zu berichten.

Nach seiner Rückkehr übergibt Harris seinem Dienstgeber den „Offiziellen Bericht über einen Besuch der Furka-Gegend...”, der sehr anschaulich geschrieben und mit einer Unzahl von Fremdwörtern wie „dingbatter”, „gnillic”, „mmbglx”, „bopple”, „schnawp” usw. bunt geschmückt ist.

Als Mark Twain diesen Bericht gelesen hat, entspinnt sich darüber folgendes Gespräch. Mark Twain sagt: „Das haben Sie gut gemacht, Harris; dieser Bericht ist knapp, gedrängt, wohlgesetzt; der Stil ist lebendig, die Beschreibungen sind anschulich und nicht mit unnötiger Genauigkeit überladen; Ihr Bericht kommt gleich zur Sache, bleibt strikte dabei und treibt sich nicht herum. Er ist in vieler Hinsicht ein vortreffliches Dokument. Aber er hat einen Fehler: er ist zu gelehrt, er ist viel zu gelehrt. Was ist „dingblatter” ?”

„Dingblatter” ist ein Fidschiwort und heißt Grad.”

„Sie kennen also in Ihrer eigenen Sprache ein Wort dafür?”

„Aber ja.”

„Was ist gnillic?”

„Das ist der Ausdruck, den die Eskimos für Schnee gebrauchen.”

„Sie wissen also auch dafür das einheimische Wort?”

„Aber gewiß.”

„Was bedeutet mmbglx?”

„Es heißt Fußgänger in der Zulusprache.”

„Während das feingeformte Wellhorn zur Krönung des bezaubernden bopples auf ihn herabblickt. Was ist bopple?”

„Bild in Tschokta-Indianisch”

„Was ist ein bolwoggoly?”

„Das ist chinesisch für Berg.”

„Kahkahponeeka?” „Aufstieg, auf Tschokta.”

„Aber wir wurden abermals von schlechtem hogglebumgullup überrascht. Was soll hogglebumgullup heißen?”

„Das ist das chinesische Wort für Wetter.”

„Ist hogglebumgullup besser als unser eigenes Wort? Sagt es mehr? Ist es anschaulicher?”

„Nein, es bedeutet genau dasselbe.”

„Und dingblatter und gnillic und bopple und schnawp - sind sie besser als unsere eigenen Wörter?”

„Nein, sie bedeuten genau das, was unsere eignenen bedeuten.”

„Warum benutzen Sie sie dann? Warum haben Sie all dieses chinesische und indianische und Zuluzeug benutzt?”

„Weil ich nur ein paar Worte Französisch kenne und Latein oder Griechisch überhaupt nicht kann.”

„Das macht aber doch nichts. Warum wollen Sie überhaupt Wörter aus anderen Sprachen verwenden?”

„Um meine Seiten zu verzieren. Das machen alle.”

„Wer ist alle?”

„Alle. Jeder, der elegant schreibt. Jeder, der will, hat das Recht dazu.”

„Ich glaube, da irren Sie sich.” Darauf ließ ich mich in vernichtendem Tonfall folgendermaßen vernehmen: „Wenn wirklich gelehrte Leute Bücher für andere gelehrte Leute schreiben, sind sie berechtigt, so viele gebildete Wörter zu benutzen, wie sie nur mögen - ihre Leser werden sie verstehen; aber ein Mann, der für das allgemeine Publikum schreibt, hat kein Recht, seine Seiten durch unübersetzte Ausdrücke aus fremden Sprachen zu verunstalten. Es ist eine Unverschämtheit gegenüber der Mehrheit der Käufer, denn es besagt aufs offenste und frechste: Laß dir selber eine Übersetzung anfertigen, falls du eine brauchst. Dieses Buch ist nicht für Nichtswisser geschrieben.

Es gibt Leute, die beherrschen eine Fremdsprache so gut und haben so lange im täglichen Umgang von ihr Gebrauch gemacht, daß sie ganze Salven davon beim Schreiben unbewußt in ihre eigene Sprache hineinzusprengen scheinen, und daher unterlassen sie mindestens die Hälfte der Zeit das Übersetzen. Das ist überaus grausam gehandelt gegenüber neun von zehn Lesern. Und was ist die Entschuldigng dafür? Der Schriftsteller wird sagen, er benutze die fremde Sprache nur dort, wo die feine Schattierung dessen, was er sagen wollte, in seiner eigenen nicht vermittelt werden könne. Schön und gut, dann schreibt er also sein Bestes für jeden zehnten und sollte die anderen neun vor dem Kauf seines Buches warnen. Er bringt jedoch wenigstens noch eine Entschuldigung vor, aber dann gibt es da noch eine andere Gruppe von Leuten, die sind genau wie sie; sie kennen hier und da ein Wort aus einer fremden Sprache oder ein paar bettlerhafte, hinten aus dem Wörterbuch gestohlene Ausdrücke, und diese pfeffern sie unverdrossen in ihre Literatur hinein, und zwar mit der Vorspiegelung, sie würden diese Sprache kennen - welche Entschuldigung haben diese Leute anzubieten?

Die fremdsprachlichen Wörter und Ausdrücke, die sie benutzen, haben ihre genaue Entsprechung in einer edleren Sprache, ihrer eigenen; und sie glauben, sie verzierten ihre Seiten, wenn sie anstatt Straße rue und statt Bahnhof gare und so weiter sagen, indem sie also vor dem Leser mit diesen flatternden Fetzen der Armut protzen und sich einbilden, er werde dumm genug sein, sie für die Zeichen eines unermeßlichen, in Reserve gehaltenen Reichtums zu halten. Ich will Ihre Gelehrsamkeit in Ihrem Bericht stehen lassen; Sie haben wohl ebensosehr das Recht, Ihre Seiten mit chinesischem und indianischem und Zuluplunder zu verzieren, wie die anderen Ihres Schlages das Recht haben, die ihrigen mit dreisten Brocken zu schmücken, die sie einem halben Dutzend gelehrter Sprachen entwendet haben, von denen sie nicht einmal das ABC beherrschen.”...

Soweit Mark Twains Kritik am Reisebericht seines Begleiters vor über hundert Jahren. Ist es nicht auch heute gang und gäbe, Berichte aller Art soviel wie möglich mit ` oft künstlich zusammengebastelten ` Wörtern aus fremden Sprachen zu schmücken, sie nicht zu übersetzen oder zu erläutern und den Leser rücksichtslos dumm sterben zu lassen? Dazu nur ein einziges Beispiel:

„... Um eine derartige Heilkunst von einer soterologisch überhöhten holistischen Medizin terminologisch zu unterscheiden, möchte ich den Begriff einer integralen Medizin vorschlagen... Eine fragmentarische Anthropologie ist folglich nicht mit einer atomistischen Anthropologie zu verwechseln...

Der Tod aber vollendet nicht das unvollständig gebliebene Leben, sondern verendgültigt dessen Fragmentarizität...

Ganzheitlichkeit und Vollendung des eigenen Lebens wäre darum nur um den Preis der Beziehungslosigkeit zu erreichen, die aber wegen der interpersonalen Struktur personaler Existenz aporetisch wäre. ...

Fragmentarizität wie Grundpassivität des Menschen verweisen nach theologischer Auffassung auf die Gottesrelation des Menschen...”

(Quelle: Evang. Bund in Österreich, Heft 153/1998, Seite 12 ff.) Wo findet sich heute ein Kritiker, der kundig und mutig genug ist, unseren gelehrten und fremdwortverliebten Zeitgenossen die Leviten zu lesen?