Heft 3-4/1998 (Folge 128), Seite 163-164

 

Silke Flinsberg

Bei der Beugung verstümmelt

Sprachliche Fehler aus falscher Scheu vor Namen und Titeln

 

Namen genießen bei uns ein sehr hohes Ansehen, und kleinste Verstöße beim Schreiben eines Nachnamens werden schon mit Verachtung gestraft: etwa Röder statt Roeder, Mieli statt Miehli, Forßmann statt Forssman, Cört statt Coerdt und dergleichen. Freilich muß man Namen so schreiben, wie sie „gehören”, doch ist es auch einsichtig, daß man bei Namensschreibungen, die häufig wie Kraut und Rüben durcheinander gehen, öfter einmal einen Fehler machen kann, der dann nicht so eng gesehen werden sollte.

Überhaupt nicht verständlich ist es, daß auch Druckwerks-Titel, also „Namen” von Zeitungen oder Büchern, oft wie heilige Kühe angesehen werden. Viele meinen, an ihnen nicht das geringste verändern zu dürfen - nicht einmal die Beugung, auch wenn es der Satz erforderlich macht. Da liest man dann Sachen wie „Gestern stand in Die Zeit”, „der Schriftleiter des Memeler Dampfboot ” oder „ein Aufsatz im Eckartbote ” oder „in Die deutsche Schrift /#148; und dergleichen. - üblicherweise ist es so, daß man besseres Deutsch schreibt, als man spricht; hier ist es aber ausnahmsweise umgekehrt: So verkorkst spricht kein Deutscher.

Zugrunde liegt solcher Verstümmelung der erforderlichen Beugung das Bestreben, am Titel möglichst nichts zu verändern, um ihn ja nicht zu verfälschen. Wer aber wüßte nicht, daß eine Zeitschrift „Memeler Dampfboot” heißt, wenn man im Satz eingebettet „des Memeler Dampfbootes ” liest oder „Deutscher Herold”, wenn wo „im Deutschen Herold ” steht. Auch in stärker als das Deutsche beugenden Sprachen wie Litauisch oder Isländisch werden solche Titel selbstverständlich gebeugt, und man würde es dort als eine oft bis zur Unverständlichkeit gehende Vergewaltigung der Sprache ansehen, wenn man sie ungebeugt lassen sollte.

Zu Verwechslungen kann es fast nur da kommen, wo man nicht weiß, ob das Geschlechtswort zum Titel zu rechnen ist, also ob, wenn man „Die deutsche Schrift” liest, diese Zeitschrift dann „Die deutsche Schrift” heißt oder nur „Deutsche Schrift”. Doch erstens zählt bei der Einordnung in Nachschlagverzeichnisse das Geschlechtswort ohnehin nicht, so daß man „Die deutsche Schrift” ohnehin unter „Deutsche Schrift” suchen muß, und zweitens kommt es außerhalb wissenschaftlicher Veröffentlichungen doch in der Regel nicht auf solche Feinheiten an - oder aber diese sind ohnehin allgemein bekannt. Wenn es wirklich einmal darauf ankommen sollte oder einfach aus sprachlichen Gründen besser scheint, dann kann man bei der ersten Erwähnung des Titels in einem Text ja „in der Zeitschrift Die deutsche Schrift ” (statt: „in der Deutschen Schrift ”) oder „im Buche Des Kaisers neue Kleider ” (statt: „in Des Kaisers neuen Kleidern ”) schreiben. Das gilt besonders für Buchtitel, Aufsatzüberschriften und dergleichen, die häufig nicht so allgemein bekannt sind und bei denen es öfter auf den genauen Wortlaut ankommen kann.

Übrigens gibt es für die Fülle mit Geschlechtswort am Anfang die einfache Richtschnur, daß man dieses großschreiben solle (und damit ja schon als mit zum Titel gehörig zu erkennen gibt), wenn es die selbe Form wie im ungebeugten Titel hat: „Ja, Die deutsche Schrift bringt immer gute Beiträge” oder „Da nahm ich Die Deutsche Schrift zur Hand”. Wenn das Geschlechtswort hingegen abgewandelt erscheint, schreibe man es klein (also außerhalb der Namensführung) und dafür das Folgewort groß: „Gestern las ich etwas in der Deutschen Schrift;” ebenso „im Spiegel” (Grundform: Der Spiegel), „in der Reihe des Schönen Zaubergartens ” (Grundform: Der schöne Zaubergarten) usw. Und, wie gesagt, wollte man auch in den letzten Beispielen die Titel unverändert beibehalten, dann schreibt man eben: „Gestern las ich etwas in der Zeitschrift Die deutsche Schrift ”, „in der Wochenzeitung Der Spiegel ” oder „in der Reihe Der schöne Zaubergarten ”.

So tut man unserer Sprache keine Gewalt an und kann - wo es erforderlich ist - trotzdem haargenau bleiben.