Heft 3-4/1998 (Folge 128), Seite 154

 

Christian Stang

Volksentscheid erfolgreich - wie geht es weiter?

 

Am 27. September 1998 fand in Schleswig-Holstein der erste bundesdeutsche Volksentscheid über die neugeregelte Rechtschreibung statt. Nach dem vorläufigen Endergebnis des Landeswahlleiters sprachen sich 56,4% der Wähler gegen die Rechtschreibreform aus. Nur 29,1% der Bürger stimmten dem Vorschlag des Landtages zu, an den Schulen die neuen Richtlinien und Schreibweisen zu unterrichten. 14,5% der Wähler sprachen sich weder für noch gegen die reformierte Rechtschreibung aus.

Nach dem Volksentscheid in Schleswig-Holstein bekräftigte die Präsidentin der „Ständigen Kultusministerkonferenz der Länder”, Gabriele Behler, daß sich die Ablehnung der Rechtschreibneuregelung im nördlichsten Bundesland nicht auf die übrigen Länder auswirke. Behler führte weiter aus, daß es ein „Chaos” gebe und daß es „pädagogisch kontraproduktiv” sei, wenn die neue Rechtschreibung in den anderen 15 Bundesländern wieder rückgängig gemacht würde.

In Schleswig-Holstein wird der Landtag im November formell die durch den Volksentscheid erzwungene Schulgesetzänderung feststellen.

Der von der Initiative „Wir gegen die Rechtschreibreform” vorgelegte Gesetzentwurf wird nach den Angaben der Bildungsministerin Gisela Böhrk Mitte November in Kraft treten. Nach Böhrks Aussage werden an den Schulen in Schleswig-Holstein ab diesem Zeitpunkt sowohl die alten als auch die neuen Rechtschreibregeln gelten.

Die Lehrer würden hingegen den Schülern nur die „alten” Richtlinien und Schreibungen vermitteln. Im Gegensatz zu Ministerin Böhrk sagte der Sprecher der Initiative „Wir gegen die Rechtschreibreform”, Matthias Dräger, daß das Ergebnis des Volksentscheides eine Signalwirkung für andere Bundesländer habe. Dräger rechnet nach eigenen Angaben damit, daß der nächste Volksentscheid in Bayern stattfindet. Außerdem wies Dräger auf die Klage eines Berliner Ehepaares hin, die vom Europäischen Gerichtshof in Straßburg angenommen worden sei.

Aufgrund der Formulierung des Gesetzentwurfes der Initiative „Wir gegen die Rechtschreibreform” gibt es noch eine „Hintertür”, die von den Reformbefürwortern ausgenutzt werden könnte. In dem Gesetzentwurf heißt es wörtlich: „In den Schulen wird die allgemein übliche Rechtschreibung unterrichtet. Als „allgemein üblich” gilt die Rechtschreibung, wie sie in der Bevölkerung seit langem anerkannt ist und in der Mehrzahl der lieferbaren Bücher verwendet wird.”

Da die lieferbaren Bücher nach Ansicht des Vorsitzers des Norddeutschen Verleger- und Buchhändler-Verbandes, Helmut Dähne, auf absehbare Zeit zum Großteil in der neuen Schreibung verfaßt sein werden, könnte das Land Schleswig-Holstein möglicherweise doch noch die neue Rechtschreibung anwenden. Das Bildungsministerium im nördlichsten deutschen Bundesland will laut Aussage von Ministerin Böhrk über den „Börsenverein des deutschen Buchhandels” versuchen, Daten über die lieferbaren Bücher und die darin angewandte Rechtschreibung zu erhalten. Böhrk bezeichnete den Entwurf deshalb als eine „Regelung auf Zeit”. Man darf mit Spannung auf die weitere Entwicklung blicken!