Heft 3-4/1998 (Folge 128), Seite 160-162

 

Rolf-Heiko Buyny

Schach der Vermännlichung!

Ein satirischer Aufruf für eine geschlechtstypische Sprachreform

 

Man(n) hat sich seit langem daran gewöhnt: die feministische Emanzipation, oft noch mit dem veralteten Begriff „Gleichberechtigung” bezeichnet, macht vor nichts halt. Kein Beruf ist mehr reine Männerdomäne. (Sollte es eine geben, so ergehe bitte Mitteilung an den Verlag!) Symbole auf Verkehrs- und sonstigen Hinweiszeichen werden entmaskulinisiert, wie etwa die Fahrrad-Querstange auf Radwegen überpinselt wurde, so beispielsweise in Hannover. Frauengerecht muß unser Leben sein, vorrangig, jederzeit und allerorten.

In der Sprache besteht dabei ein besonderer Nachholbedarf an Reformen, die bei den Beschlüssen der Wiener Orthographiekonferenz von 1994 leider unberücksichtigt geglieben sind. Zum Glück heißt es seit eh und je „die Sprache”, was unleugbar in der Grammatik nicht dem männlichen Geschlecht zugehörig ist. Im Französischen, Italienischen, Spanischen zum Beispiel ist es ebenso. Über Allerweltssprachen wie das Englische mit seinem gesichts- und geschlechtslosen „the” ist hier nicht zu reden, obgleich sich auch dabei vielleicht verweiblichen ließe. Leichter zu reformieren wären da schon Sprachen wie Russisch oder Ungarisch, die entweder gar keinen Artikel vor das Hauptwort setzen oder seine Schreibung nur vom ersten Buchstaben abhängig machen: einem Selbst- oder einem Mitlaut. So reformfreudig man im Osten Europas auch war und ist, an eindeutige Verweiblichung der Sprache hat man nicht gedacht. Dabei könnte man das ewig Weibliche, was uns bekanntlich hinan zieht, so leicht ohren- und augenfällig machen!

Hoffnungsvolle Züge trägt da das Italienische: Bestimmte Vornamen oder auch Berufsbezeichnungen sind von der Endung her weiblich, inhaltlich oder vom Artikel jedoch maskulin, so etwa Andrea (= Andreas), Gabriele (= Gabriel), il pianista (der Klavierspieler), il Papa (der Papst). Da ist es durch Artikeltausch sehr leicht, eine Päpstin einzusetzen.

Nicht so griffig ist die deutsche Sprache, bietet desungeachtet aber viele Betätigungsmöglichkeiten. Die Endung „-in” kennzeichnet seit jeher einen weiblichen Beruf, etwa Bäuerin, Wäscherin, Näherin, oder einen Zustand wie Wöchnerin, Helferin, Sklavin, oder auch das Anhängsel ihres Mannes, so etwa Meisterin, Bäckerin, Schmiedin, die erst lange danach berufliche Selbständigkeit erlangten. Nie hat jemand etwas gegen diese Bezeichnung gehabt. Trotzdem hat „der Bauer”, „der Bäcker”, „der Schmied” stets als Sammelbegriff für männliche und weibliche Berufsangehörige gedient, unangefochten, weil jeder und jede wußten, was es mit diessen Sammelbezeichnungen auf sich hatte. Immer wieder treffen wir auf diese übergeordneten Begriffe. So steht „der Hund” von selbst für einen Rüden oder eine Hündin. Es ist jedoch zeitlich abzusehen, daß demnächst ein Satz wie „Der Hund bellt.” nicht mehr ohne vorherige Prüfung der biologischen Geschlechtsmerkmale wird geschrieben oder ausgesprochen werden dürfen. Bei „Katze” ist in Zukunft die männliche Nebenform „der Kater” zu unterdrücken, selbst wenn das natürliche Geschlecht bekannt ist. Die Sammelform „Katze” ist bereits als weiblich definiert, was ausreicht, selbst wenn es sich um ein männliches Stück der Gattung handelt. Genehm ist auch die Form „die Kätzin”. Dank sei in diesem Zusammenhang dem Romantitel „Die Rättin”, der als grundlegend für solche feministischen Verdeutlichungen gelten darf. Weitere Beispiele lassen sich in Fülle nennen: die Schneckin, die Ameisin, die Meisin, die Heuschreckin, die Gemsin, die Grillin, Insekten und Vögel haben da viel zu bieten, aber nicht nur sie. Die Festlegung des weiblichen Lebewesens auf die Benennung „-in” schließt nicht nur jeden Zweifel an der Zweckbestimmung aus, sie ist zugleich ehrend, weil das Urmutterprinzip hier eine, wenn auch späte, Würdigung erlangt. Daß zahlreiche weibliche Formen auf „-e” dadurch eindeutig weiblich determiniert werden, sollte auch im Pflanzenreich berücksichtigt werden, da es sich um eine arterhaltende Maß-nahme handelt: also nicht „Birke”, „Eiche”, „Rübe”, „Tulpe”, vielmehr „Birkin”, „Eichin”, „Rübin”, „Tulpin”. Das ist um so wichtiger, da Ausnahmen wie „der Hase”, „der Löwe” zwar dem Tierreich zugehörig sind, jedoch wegen diskriminierender Zusammensetzungen wie „die Hasenlippe”, „die Löwenstimme” mit dem weiblichen Geschlechtswort schnell zu Mißdeutungen oder Fehlschlüssen verleiten. In doppeltem Sinne muß deshalb reformiert werden: Artikel- und Endungsänderungen zugunsten der zuvor propagierten Form, die mit „-in” endet und alles Männliche im Prinzip einschließt. Bei gegenständlichen oder nichtgegenständlichen Substantiven oder Nomen, die nicht klar den drei großen Bereichen der Lebewesen zugeordnet werden können, muß einstweilen die überlieferte Artikelform beibehalten werden, beispielsweise „die Lampe”, „die Vase”, „die Gabel”, „die Ehre”, „die Wonne”, „die Güte”.

Einen Sonderfall stellt „die Hose” dar: Durch ihr Geschlechtswort eindeutig klassifiziert, war sie bis vor wenigen Jahrzehnten den Männern vorbehalten, zumindest als äußeres Kleidungsstück. Seitdem die Hose den Siegeszug beim weiblichen Geschlecht auch äußerlich angetreten hat, ist ihr, obwohl kein belebtes Wesen, ein Sonderstatus zuzuerkennen und damit die Endung „-in”, also: „die Hosin”. Die Redensart, daß bei weiblicher Vorherrschaft in Ehe oder Partnerschaft „die Frau die Hosin anhabe”, ist nicht mehr herabsetzend zu sehen, sondern als Ausdruck überlegener Weiblichkeit.

Offensichtlich ist auch, daß die selten angewendete Verkleinerungsform auf „-lein” keine modernisierte Fassung des mittelhochdeutschen „-în” sein kann, z.B. „vogelîn”, „frouwelîn” („Vöglein”, „Fräulein”), auch wenn der sächliche Artikel das unterstellt. Verfechter des maskulinen Prinzips in Welt und folglich Sprache versuchten, die offensichtlich weibliche Wortendung zu verändern, indem sie diese neutralisierten durch Anwendung des entsprechenden Geschlechtswortes. Verweis: die verpönte Nebenform „die Fräulein”. Hiervon ausgehend wird gefordert, den sächlichen Artikel bei Diminutiva auf „-lein” durch den weiblichen Begleiter zu ersetzen, wobei das Verb im Satz stets in der Einzahl zu gebrauchen ist, z.B.: „Die Vöglein singt im Strauch”.

Entsprechender Artikelwechsel gilt auch für „das Mädchen”, moderner zwar von der Verkleinerungssilbe her, aber desungeachtet ein ständiges Ärgernis, weil tatsächlich ohne Vorbehalt weiblich. Dieses Beispiel steht stellvertretend für alle Verkleinerungen mit „-chen”, deren Ursprung in den moselfränkischen Mundarten noch heute zu vernehmen ist, beispielsweise „Stickelscher” (Stückchen) oder „Herzscher” (Herzchen). Die letzten drei Buchstaben sind eine hingenommene Verkürzung von „-herr” in der Bedeutung von „Herr über ein Stück, ein Herz” usw. Der Machocharakter mit chauvinistischer Tendenz liegt auf der Hand und darf fürderhin nicht mehr auf der Zunge liegen. Da in manchen Landstrichen die Verkleinerungsformen sich außerordentlicher Beliebtheit in der Umgangssprache erfreuen, wird man sie, auch bei entsprechender Aufklärung über die Hintergründe, nicht ersatzlos streichen können. Um ihren „herr”-lichen Ursprung jedoch zu brandmarken, ist bei der Schreibung stets in Klammern anzugeben: „f.ü.F.” (= falsch übernommene Form) bzw. bei mündlichem Gebrauch nach dem Wort dreimal vernehmlich zu hüsteln.

Auf lese- und ausspracheverlangsamende Schreibungen wie „VeräterInnen”, „SpekulantInnen”, auch in der Einzahl, braucht an dieser Stelle nicht mehr eingegangen zu werden, da diese inzwischen voll wirksam geworden sind bei all denen, die den weiblichen Teil ihrer Käufer- und sonstigen Kundschaft nicht verlieren wollen oder können. Die jeweils zugehörigen männlichen oder weiblichen Relativ- oder anderen Pronomen, auf deren genauen Sitz peinlich zu achten ist, verschaffen den Texten Vielfalt und den Anwendern und besonders Anwenderinnen viele neue Arbeitsplätze, die das Arbeitslosenproblem unter den Frauen erheblich entschärfen.

Die stiergetragene Europa, Namensgeberin des emanzipatorisch wirksamsten Erdteils, hat in ihrem Kernland Deutschland federführend und länderübergreifend den herabsetzenden Männlichkeitswahn in der Sprache mit Vollmacht entgegenzutreten. Nur so wird aus Vielfalt schließlich Einfalt.