Heft 1/1998 (Folge 128), Seite 108-111

 

Arthur Wohe

Zur Lage der deutschen Sprache

 

Sprachen verändern sich, können absterben und schließlich ganz verklingen. Zwei Gründe führen zum Verschwinden einer Sprache: Entweder, daß zweisprachige Eltern ihren Kindern nur noch eine einzige Sprache weitergeben oder daß die Sprache eines mächtigen Volkes, z.B. im Altertum die Sprache der Römer oder heutzutage die Sprache der US-Amerikaner, die einheimische Sprache Wort für Wort überfremdet. „Tot” ist eine Sprache dann, wenn sie mit dem letzten muttersprachlichen Sprechern verklungen ist. Deutsch steht mit 100 Millionen muttersprachlichen Sprechern an 10. Stelle der auf der Welt gesprochenen Sprachen, und zwar hinter Chinesisch, Englisch, Spanisch, Hindi, Russisch, Arabisch, Bengali, Portugiesisch und Japanisch. Ganz bewußt bedrängen einflußreiche Kräfte, die den Deutschen und ihrer Sprache nicht wohlgesinnt sind, alles Deutsche, auch die Sprache der Deutschen; und deutsche Führungskräfte und Meinungsmacher fühlen sich wohl dabei. Daher wird die deutsche Sprache deutlich weniger verteidigt als z.B. das Französische, das mit rund 80 Millionen Sprechern erst an 12. Stelle der Sprachen kommt. Weder die Europäische Union noch die Vereinten Nationen kennen z.B. die Gleichberechtigung des Deutschen mit dem Französischen.

Auch wenn es viele Sprachpfleger nicht gerne hören, so stirbt das Deutsche - ähnlich wie das deutsche Volk - seit über 20 Jahren: Alte deutsche Wörter oder seit langem eingedeutschte Fremdwörter ersetzt man offensichtlich planmäßig durch englische und übergibt dadurch die deutschen Wörter dem Vergessen. Vorreiter gegen die deutsche Sprache sind weltweit tätige Werbeagenturen. Welchen jungen Leuten sind noch die vor 40 Jahren selbstverständlich verwendeten deutschen Begriffe „Naturkunde”, „Fernschnellzug”, „Fernmeldedienst” oder „Empfang” (eines Hotels) bekannt, die längst durch „Biologie”, „Intercity”, „Telekommunikation/Telecom” und „Reception” ersetzt worden sind, um nur einige wenige der zum Verklingen verurteilten deutschen Wörter zu nennen. Geräte sind seit langem amerikanisch oder durch mehr oder weniger rätselhafte Bildzeichen beschriftet. Für neue Erzeugnisse und Verfahren denkt man sich gar nicht erst deutsche Wörter aus. Besonders fällt dies im Geschäftsleben, in Wissenschaft und Technik, im Sport und bei Reisen auf. Dazu kommt, daß Medien und Schule seit Jahrzehnten deutsches Selbstwertgefühl oder Selbstbewußtsein unterdrücken, geschweige denn pflegen oder gar fördern. Warum dürfen wir auf die kulturellen und sozialen Leistungen großer Deutscher nicht mehr stolz sein? So stellten bis vor etwa 30 Jahren Deutsche unter den weltweit berühmten Ärzten, Erfindern, Nobelpreisträgern und Musikern einen sehr großen Anteil. Soll die Tatsache vertuscht werden, daß Selbstbewußtsein die goldene Mitte zwischen den beiden Überreibungen Selbstanklage (Masochismus) und Hochmut (Chauvinismus) ist?

Seit etwa 30 Jahren gibt es im deutschen Sprachraum keinen Schulabschluß mehr ohne Englischkenntnisse. Führende deutsche Fachzeitschriften haben inzwischen auf Englisch umgestellt. Damit verlernen akademische Führungskräfte, ihre Erkenntnisse und Gedanken verständlich in guter deutscher Sprache mitzuteilen. Sie sind seit langem nicht mehr bereit, Tagungen mit internationalem Teilnehmerkreis in Deutschland in deutscher Sprache abzuhalten oder simultan übersetzen zu lassen, auch dann nicht, wenn die Vortragenden oder Zuhörer zum weitaus überwiegenden Teil aus dem deutschen Sprachraum kommen. Außerdem wird die beabsichtigte ständige „Rechtschreibpflege” den Zugang zu älterem Schrifttum mehr und mehr erschweren. Wird nicht der „Gesellschaft” in Deutschland, die sich mehr und mehr aus Misch- und Fremdbevölkerung zusammensetzt, die Sprache Luthers, Goethes und Schillers in wenigen Jahrzehnten gleichgültig sein? Menschen, die sich nur vom Nützlichkeitsdenken leiten lassen, dürften wenig Sinn dahinter sehen, eine Sprache wie das Deutsche lebendig zu erhalten und zu pflegen, wenn es viel bequemer ist, weltweit nur noch eine einzige Sprache, das Englische, zu gebrauchen? Wird es deshalb langfristig dazu kommen, daß die Entscheidungsträger in Deutschland Englisch als Amtssprache einführen? Wieviele Generationen nach uns werden Deutsch noch als heruntergekommene Umgangssprache benutzen?

Beispiele sollen schlaglichtartig die Richtung erhellen: - Die deutsche Sprache als Amtssprache genießt in Deutschland keinen hohen gesetzlichen Schutz. Bestimmungen zur Sprachpflege fehlen ganz bewußt. Nur die Verwaltungsverfahrensgesetze des Bundes und der Länder bestimmen Deutsch zur Amtssprache. Sie lassen sich aber jederzeit mit einfacher Mehrheit durch wenige tausend Abgeordnete ändern. - Mit Hilfe der Meinungsbeeinflussung / Gehirnwäsche in Medien und Schule läßt sich die Stimmung zugunsten des Angloamerikanischen weiter erhöhen. - Durch die Überfremdung mit Amerikanismen, vor allem durch viele Werbeagenturen und Journalisten, ist in deren Texten das Deutsche zu einer „Ruinensprache” verkommen. Aus diesem Grunde empfehlen bestimmte Verfasser in den Medien immer wieder, die Kinder gleich eine „richtige” Sprache erlernen zu lassen, nämlich Englisch. - Nachdrückliche Bestrebungen wollen das Englische als Unterrichts- und Vorlesungssprache durchsetzen, und es dürfte nur noch eine Frage der Zeit sein, daß in den Gymnasien zumindest bestimmte Fächer auf englisch unterrichtet werden. Inzwischen bietet beispielsweise die Fachhochschule Aachen in Jülich alle Lehrveranstaltungen in englischer Sprache an, oder an der technischen Universität Berlin findet im Studiengang „Global Production Engineering” die Hälfte aller Vorlesungen in englischer Sprache statt. 1998 wird in Stuttgart eine sogenannte Elite-Universität mit Vorlesungen ausschießlich in englischer Sprache ihren Lehrbetrieb aufnehmen. - Der deutsche Bundespräsident Roman Herzog als einer der wichtigsten politischen „Vordenker” begrüßte es in einer Rede im November 1997 in Berlin, daß eine Reihe deutscher Hochschulen Vorlesungen auf englisch anbietet. Eine Abneigung dagegen brandmarkte er als Provinzialismus: „Warum bedarf es immer noch einer Sondergenehmigung, um eine Diplomarbeit in Englisch abzufassen”?

Die Rechtschreibreform hat der Vermittlung von Deutsch als Fremdsprache in Ostmitteleuropa und allen östlichen Staaten, die jahrhundertelang unter deutschem kulturellen und wirtschaftlichen Einfluß standen, schweren Schaden zugefügt. Diese Länder sind nicht in der Lage, kurzfristig Bücher in der ab Mitte 1998 gültigen neuen Rechtschreibung zu beschaffen. Da es in der Europäischen Union Bestrebungen gibt, auch in Ostmitteleuropa und in Osteuropa Englisch als Fremdsprache durchzusetzen, ist damit zu rechnen, daß in wenigen Jahren dort das Deutsche als wichtigste Fremdsprache durch das Englische ersetzt sein wird. In diesem Zusammenhang wird immer wieder der begründete Verdacht geäußert, die (entgegen der Volksmeinung) mit auffallender politischer Hartleibigkeit durchgesetzte Schädigung des deutschen Sprachgebrauchs durch die Rechtschreibreform sei eine geheime Bedingng des Auslandes für die Zustimmung zur Wiedervereinigung gewesen. Wer könnte diesen Eindruck widerlegen? Die Zukunft wird Näheres zeigen. - Die Wirtschafts- und Sozialpolitik führt seit langem dazu, daß Fremde zur Arbeit nach Deutschland kommen und nicht wenige Deutsche als Auswanderer oder Entwicklungshelfer eher im Ausland als in Deutschland Arbeit finden. Würde nicht eine Welteinheitssprache die offenkundig beabsichtigte Vermischung fördern können?

Sprachpfleger treten für den Erhalt und die Pflege eines vorbildlichen Deutsch, für die Sprache Luthers und Logaus, Schillers und Goethes, Grillparzers und Storms ein. Ihnen stehen einflußreiche Kräfte gegenüber, die mit modernsten Mitteln der Meinungsbeeinflussung über die Schule und die Medien die überlieferte Lebensordnung und damit auch die deutsche Sprache zerstören wollen, ohne je das Volk befragt zu haben. Sind kulturbewußte Menschen in der Lage, Widerstand gegen diese Zerstörung zu leisten? Können sie die Entwicklung aufhalten, wo doch seit langem Millionen von Mitläufern gleichgültig dem zerstörerischen Zeitgeist nicht den geringsten Widerstand entgegensetzen? - Anfangen muß man stets im kleinen. Aus vielen Bächen entsteht ein Strom! Beginnen Sie bei sich selbst und bemühen Sie sich daher im Beruf, im Familien- und Freundeskreis um ein gepflegtes, fremdwortarmes Deutsch. Kaufen Sie in Geschäften, die nicht aufdringlich in englischer Sprache werben! Nur ein Beispiel unter vielen: Zwei deutsche Arbeitnehmer, bei denen man aufgrund ihres Hochschulabschlusses Englischkenntnisse voraussetzte, konnten durch ihren Widerstand vor kurzem erreichen, daß bei Arbeitsbesprechungen - wohlgemerkt in einer deutschen Verwaltung - nicht die englische Sprache eingeführt wurde.