Heft 4/1996 (Folge 121), Seite 292-297

 

Harald Süß

Ein Leben im Dienste der Schriftkunst

Professor Friedrich Neugebauer und sein Werk

 

Die Kunst des schönen Schreibens war immer eine bescheidene, stille Kunst. Und wer sich gerade heute nicht dem Augenblick des Tagesgeschmacks anpaßt und im scheinkünstlerischen Geschmiere mitmischt, sondern sich zeitlose Werte zum Maßstab gesetzt hat, wird kaum Schlagzeilen bekommen oder gar mit Massenauflagen das große Geschäft machen können.

Der Schriftkünstler braucht kein kurzlebiges Alltagsgeschrei. Professor Friedrich Neugebauer zählt zu diesen Stillen, aber Großen im Lande. Der Altmeister der Schriftkunst in Österreich feierte am 16. November 1996 seinen 85. Geburtstag. Grund genug, sein Leben und Werk zu würdigen, die er ganz in den Dienst der Schrift gestellt hat. Friedrich Neugebauer wurde 1911 in Kojetein (Mähren) geboren und erlernte nach der Oberrealschule den Beruf eines Lithographen in Troppau. 1930 begann er seine Ausbildung zum Schrift- und Buchgraphiker bei Prof. Paul Hampel an der Kunstgewerbeschule in Breslau und setzte ab 1932 seine Studien in Wien fort, wo er Vorlesungen bei Prof. Wilhelm Müller-Hoffmann (Malerei) und Prof. Oskar Strnad (Architektur) belegte und schliežlich seine Ausbildung mit der Meisterklasse für Schrift bei Prof. Rudolf v. Larisch abschloß. Ab 1935 arbeitete er als selbständiger Graphiker, lehrte als Assistent bei Prof. Hertha Larisch-Ramsauer an der Wiener Kunstgewerbeschule und gehörte der Werkgemeinschaft der „Larisch-Pflegestätte” an. Bereits 1937 erhielt er auf der Weltausstellung in Paris 1937 die ersten öffentlichen Auszeichungen für seine schriftgraphischhen Arbeiten Das „Diplom d´honneur” und eine Goldmedaille in der Gruppe „Illustrations illustrée, Livres d´Art”. 1940 wurde Friedrich Neugebauer zur Wehrmacht eingezogen und geriet nach Einsätzen in Frankreich, Rußland und Italien 1944 in englische Kriegsgefangenschaft, die er in Ägypten verbringen mußte. In diesen Jahren der Not, Entbehrungen und Ungewißheit wurde ihm das Schriftschreiben zum seelischen Rettungsanker, mit dem er sich von der Öde des Lageralltags befreite. So schuf er unter heute kaum vorstellbaren Bedingungen viele herrliche Arbeiten, die durch glückliche Fügung fast alle erhalten geblieben sind. Wer heute die in dieser Zeit entstandenen Einzelblätter oder die Büchlein „Lieder und Weisen aus deutschen Landen”, „Blüten und Zweige aus deutscher Seele” und „Per aspera ad astra” bewundert, kann kaum begreifen, mit welch einfachsten Geräten und Materialien diese Kunstwerke geschaffen worden sind.

Nach seiner Freilassung mußte Friedrich Neugebauer 1947 den beruflichen Neubeginn wagen und fand mit seiner Familie in Bad Goisern (Oberösterreich) eine neue Heimat. Nach zwei harten Jahren als selbständiger Graphiker wurde er 1949 als Honorarlehrer an die Kunstschule der Stadt Linz berufen. Als einer der künstlerischen Gründerväter leitete er dort von 1951 bis 1973 die Meisterklasse für Schrift und angewandte Graphik und wurde 1961 für seine Verdienste zum Prof. h.c. ernannt. In die Jahre 1963 und 1964 fallen die Gründung seines „Hauses für Freunde der Buchkunst und der Graphik” und der damit verbundenen „Neugebauer Preß”. In diesem kleinen Verlag erschienen nicht nur zahlreiche bibliophile Drucke und Kinderbücher, sondern Prof. Neugebauer bot auch begabten Studenten die Möglichkeit, dort ihre Arbeiten zu veröffentlichen. Heute wird der Verlag von einem seiner Söhne weitergeführt und hat sich vor allem mit Kinderbüchern einen Namen gemacht. Schließlich berief man Prof. Neugebauer 1973 zum Leiter der Meisterklasse für Schrift- und Buchgestaltung an der inzwischen eingerichteten Hochschule für künstlerische und industrielle Gestaltung in Linz, wo er bis zu seiner Ruhestandsversetzung und Entpflichtung (Emeritierung) im Jahre 1982 wirkte. Neben und auch nach seiner Unterrichtstätigkeit arbeitete er weiter als freischaffender Graphiker. Aus seiner Hand stammen nicht nur ungezählte schriftgraphischhe Einzelblätter, sondern er hat auch Urkundenvorlagen, Firmenzeichen, Schutzmarken, Werbeprogramme, Buchumschläge, Exlibris sowie Briefmarken entworfen. In vielen Lehrgängen, die ihn sogar mehrmals nach Amerika führten, vermittelte er sein Wissen an Schreibfreunde im In- und Ausland.

Mit seinem 1979 ebenfalls im eigenem Verlag erschienenen Lehrbuch „Kalligraphie als Erlebnis - Baugesetze der Schrift”, das auch in englischer Sprache aufgelegt wurde, fanden seine Gedanken zum Schreiben von und Gestalten mit Schrift eine zusätzliche Verbreitung. Prof. Friedrich Neugebauer ist als Künstler weltweit anerkannt und wurde für seine Arbeiten mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt: Für seine schriftgraphischen Arbeiten erhielt er Preise in Wien, Triest, Rom, Paris, London und Stockholm, seine Verlagsveröffentlichungen wurden mit 6 österreichischen Staatspreisen und mehreren Medaillen und Diplomen im In- und Ausland gewürdigt. Große Verdienste hat sich Friedrich Neugebauer auch bei der Errichtung des ersten österreichischen Schriftmuseums in Pettenbach erworben, für das er auch alle bisherigen Ausstellungen in die Wege geleitet und damit so einmalige wie die von Hermann und Gudrun Zapf oder die Sammlung Larisch überhaupt erst ermöglicht hat. „Schrift ist Ordnung, ist Mittel zu höherem Verständnis.” Mit diesen knappen Worten umreißt Prof. Neugebauer, was einen Schriftkünstler auszeichnet: Die Verpflichtung, sich letztlich dem gesprochenen Wort unterzuordnen und ihm zu einem angemessenen auglichen Ausdruck zu verhelfen. Für ihn, den tiefsinnigen Menschen, wurde die Schrift aus innerer Veranlagung und äußerer Lehre zu einem bedeutenden Glied im Ringen um eine vorbildliche Gestaltung. Wie er sich als Schriftschreiber bedingungslos zur Überlieferung bekennt, ohne deren Grundlage keine neuzeitliche Schriftkultur erwachsen kann, so ist es ihm auch als Lehrer gelungen, eine sehr persönliche Schule zu begründen, die sich weit über die tagesgebundene Gebrauchsgraphik erhebt. Heute steht der Name Neugebauer für eine zeitgemäße, aber doch in den zeitlosen Werten der Schriftkunst verankerte Lehre, die den Vergleich mit den bedeutenden Schulen des Auslandes nicht zu scheuen braucht. Die hier gezeigten Beispiele (im Archiv nicht abgebildet) können selbstverständlich nur einen kleinen Einblick in das umfangreiche Werk geben, das der Künstler im Laufe von über sechs Jahrzehnten geschaffen hat.

Mein besonderer Dank gilt Herrn Prof. Neugebauer, der mir in persönlichen Gesprächen über seinen Werdegang erzählt und für die Abbildungen viele wertvolle Originalblätter zur Verfügung gestellt hat