Heft 1/1996 (Folge 118), Seite 213-216

 

Thorwald P.

Wie man Ortsnamen totschweigt -

Am Beispiel der amtlichen Vorwahlverzeichnisse von 1992 bis 1996

 

Das neue „Vorwahlverzeichnis Inland, Ausland”, in den Ausgaben von 1995 und jüngst auch vom „1. Januar 1996” (da schon unter dem schönen Namen „Preisinformationen Teil 1”), ist als Beilage zum Fernsprechbuch erschienen und geht an Millionen deutscher Haushalte. Herausgegeben ist es von der „Deutschen Telecom”, in die das gute alte Fernmeldeamt seit einigen Jahren im Zuge der Umkrempelung und Weginternationalisierung alles Bewährten umbenannt worden ist.

Uns geht es hier um die Verzeichnung von Ortsnamen in diesen Heften, besonders von Ortsnamen des (politischen) Auslandes. Seit langer Zeit läßt sich eine planmäßige Entwicklung bei der Verzeichnung deutscher Formen von Ortsnamen in deutschen Kartenwerken verfolgen. Nach dem Kriege standen überall uneingeschränkt die deutschen Namen, wie das bei deutschen Karten für deutsche Leser ja selbstverständlich sein sollte; allenfalls war klein oder in Klammern die fremdsprachige Bezeichnung, die in dem jeweiligen Staate amtlich gilt, beigefügt. Besonders die ostdeutschen Ortsnamen wurden nicht liebedienerisch durch polnische u.a. ersetzt. Schön langsam hat sich das Verhältnis umgekehrt, bis es zum heutigen Zustand gekommen ist: Während vor kurzer Zeit z.B. im Kursbuch der Eisenbahn und den Städteverbindungs-Heftlein noch „Straßburg”, „Prag” und „Brüssel” oben auf den Seiten und im Inhaltsverzeichnis zu lesen war, findet man im 95/96er Heft (der Ausgabe für Erlangen) nur noch Strasbourg, Praha und Bruxelles-Nord (welche Unverschämtheit gegenüber den Flamen!). Auch anderwertig sind die (geschichtlich gewachsenen!) deutschen Namen ins Abseits gedrängt oder ganz verbannt worden. Ein weiterer Schritt in diese Richtung ist nun mit dem für 1995 und jüngst ziemlich unverändert für 1996 erschienenen Vorwahlverzeichnis getan, wie Sie jederzeit selber bei sich daheim überprüfen können.

Besehen wir uns einige Einträge unter verschiedenen Staaten ( die oft unvollkommene Schreibung fremder Namen gebe ich unverbessert wieder):

 

 

Amtliches Vorwahlverzeichnis

 

  Heft von 1992 Hefte von 1995 und 1996
Belgien:

Löwen (Leuven, Louvain)

Löwen (Leuven, Louvain)

  Lüttich (Liege, Luik)  
  Lüttich (Liege, Luik)  
Italien: [fehlt] Bressanone (Brixen)
  Brixen (Bressanone) [fehlt]
  Chiusa (Klausen) Chiusa [1996 verkehrt: Chiusan](Klausen)
  Klausen (Chiusa) [fehlt]
  Ortisei (St. Ulrich) Ortisei (St. Ulrich)
  St. Ulrich (Ortisei) [fehlt]
Slowenien: Marburg (Maribor) [fehlt]
  [fehlt] Maribor (Marburg)
  Novo Mesto (Rudolfswert) Novo Mesto (Rudolfswert)
  Rudolfswert (Novo Mesto) [fehlt]
Lettland: (fehlt - auch unter "GUS") Daugavpils ([nur 1995:] Dünaburg)
    Jelgava (Mitau)
    Kuldiga ([nur 1996:] Goldingen)
Litauen: (fehlt - auch unter "GUS") Klaipeda (Memel)
    Nida
    Silute
    Taurage (Tauroggen)
    Vilnius (Wilna)
Niederlande: Den Haag Den Haag
  [fehlt] Gravenhage (´s-Gravenhage)
  Herzogenbusch (´s-Hertogenbosch) Herzogenbusch (´s-Hertogenbosch)
  ´s-Gravenhage [fehlt]
  Hertogenbosch [fehlt]
Polen: Breslau (Wroclaw) [fehlt]
  Danzig (Gdansk) [fehlt]
  Gdansk (Danzig) Gdansk (Danzig)
  [fehlt] Katowice (Kattowitz)
  Kattowitz (Katowice) [fehlt]
  [fehlt] Slupsk
  Stettin (Szcecin) [fehlt]
  [fehlt] Sczecin (Stettin)
  Warschau (Warszawa) Warszawa (Warschau)
  Wroclaw (Breslau) Wroclaw (Breslau)
Schweiz: Biel (Bienne) Biel (Bienne)
  Genf (Genève) Genf (Genève)
  Freiburg (Fribourg) Freiburg (Fribourg)
  Neuchatel Neuchatel
  Sion Sion
Tschechische Republik: Cheb (Eger) Cheb
  Eger (Cheb) [fehlt]
  Hradec Kralove (Königgräz) Hradec Kralove (Königgräz)
  Iglau (Jihlava) [fehlt]
  [fehlt] Jihlava (Iglau)
  Königgräz (Hradec Kralove) [fehlt]
  Ostrau (Ostrava) [fehlt]
  [fehlt] Ostrava (Ostrau)
  Prag (Praha) [fehlt]
  [fehlt] Praha (Prag)
  Znojmo Znojmo (Znaim)

 

Dies mag als Kostprobe genügen; es ließen sich noch unzählige Beispiele ergänzen, auch aus Ungarn, Kroatien, der Slowakei und vielen anderen Staaten. - Was hat sich nun geändert?

Die Ortsdichte hat sich zu den Heften von 1995 und 1996 in vielen Staaten stark erhöht; Länder wie Litauen, die 1992 nicht einmal unter „GUS” angeführt waren, sind erstmals aufgenommen worden. Im Heft von 1992 noch galt ungefähr folgende Regel: Vorrang bei der Aufführung hat grundsätzlich der deutsche Name, hinter dem der fremde in Klammern mager beigefügt wird. Lautet der fremde Name am Anfang nicht wesentlich anders (Etwa Maribor gegenüber Marburg), so wird auf eine Wiederholung des Fremdnamens als eigenes Stichwort verzichtet; beginnt der fremde hingegen mit einem ganz anderen Buchstaben, so wird auch er gesondert als Stichwort aufgeführt und erhält den deutschen Namen dahinter mager in Klammern: Ortisei (St. Ulrich).

Dabei muß gesagt werden, daß bei weitem nicht überall der deutsche Name mit angegeben ist, wo es einen solchen gibt. So fehlt etwa „Neuenburg” neben „Neuchâtel” und „Znaim” neben „Znojmo”. In den Heften von 1995 und nun auch von 1996 hingegen sind die deutschen Ortsnamen als Stichwörter getilgt. Sie erscheinen, wo sie überhaupt noch angegeben werden, höchstens mager in Klammern hinter dem fremden Namen: „Wroclaw (Breslau)” - und u.a das hinterpommersche Stolp verdient noch nicht einmal solch einen mageren Klammervermerk hinter „Slupsk”. Eine merkwürdige Ausnahme bilden da Belgien und die Schweiz, wo die alte Handhabung beibehalten worden ist; da darf sogar das französisch besiedelte Genf unter dem deutschen Namen eingereiht werden. Auch den Stichwörtern „Warschau” und „Herzogenbusch” hat man die deutsche Bezeichnung zu nehmen vergessen. Bezeichnenderweise hat man auch in Gebieten, aus denen die Deutschen (noch) nicht weitgehend vertrieben worden sind, die deutschen Ortsstichwörter „abgewickelt”: man blicke auf Südtirol; ist es ein Erfolg des vielgerühmten „Pakets”, daß man auch in einem überwiegend deutschen Gebiet wie dem oberen Eisacktal selbst in deutschen Verzeichnissen nichts mehr unter „Sterzing” findet, wenn man dort anrufen will? Die Ungereimtheiten der Ausgabe von 1992 sind in denen von 1995 und 1996 noch verstärkt worden: Gemäß dem erwähnten verwerflichen Grundsatz, nach dem man seit dem Heft von 1995 verfährt, steht zwar unter Litauen „Klaipeda (Memel)”, aber das memelländische Heydekrug fällt völlig unter den Tisch (nur litauisch „Silute” ist - so freilich unzulänglich geschrieben - angeführt); dagegen darf die außerhalb Ostpreußens gelegene litauische Stadt Tauroggen in Klammern ihre magere deutsche Entsprechung tragen. Endlich mußte auch das lettische Goldingen 1995 mit „Kuldiga” auskommen; 1996 hingegen erhielt es in Klammern ein mageres „(Goldingen)” dazu, wofür im Gegenzuge aber das 1995 noch dahintergesetzte „(Dünaburg)” in der 1996er Ausgabe bloßem „Daugavpils” weichen mußte. Es versteht sich von selbst, daß neben „Sion” auch 1996 noch immer kein deutsches „Sitten” zu finden ist, und mit der Benennung vom Haag in Holland wird man wohl nie zurecht kommen (siehe oben die Angaben unter „(´s-) Gravenhage”!).

Was steckt nun dahinter?

Geschichtlich gewachsene Ortsnamen sind ein Kulturgut und zählen ebenso zum Sprachschatz wie Nichtnamen; das wird sogar von einer UNO-Verordnung festgeschrieben. Manchen Leuten ist es freilich unwillkommen, daß auch wir Deutsche - wie wohl jedes Volk in Europa - gewachsene eigensprachliche Namen für fremde Städte (Mailand, Warschau) oder die Orte in den Vertreibungsgebieten (Karlsbad, Stettin) haben. Hat man vielerorts die Deutschen aus ihrer Heimat vertrieben, so möchte man jetzt auch noch ihre Spuren aus Sprache und Geschichte vertreiben. Schön langsam ist nun unter dieser Zielsetzung die BRD-Bevölkerung der deutschen Namen außerhalb der Staaten mit deutscher Amtssprache entwöhnt worden und zu der blödsinnigen Formel hinerzogen: „Ortsnamen sind in der Landessprache zu verwenden.” - Als ob wir italienisch „parlare” müßten, wenn wir von Italien sprechen - oder vielleicht gar von Bozen?! Die so läppisch und folgewidrig zusammengestopselten Ausgaben des Vorwahlheftes arbeiten solch einer „Endlösung der Ortsnamensfrage” gut zu, indem sie bei der Namensaufführung so gezielt für Verwirrung sorgen, daß man bald allerseits händeringend um völlige Weglassung der deutschen Bezeichnungen bitten wird.

Nun, Sie werden wieder an mich denken, wenn der nächste (und letzte) Schritt der Meinungsmacher und ihrer Handlanger vollzogen sein wird: nämlich dann, wenn die deutschen Namen endgültig ganz unter den Tisch fallen. Dann werden sie auch von den Straßenschildern an der Mark zu Böhmen und Schlesien, aus den Büchern und Reisewerbeblättern - und schließlich aus dem Bewußtsein der Zöglinge dieses Geistes verschwunden sein. Dann ist dieses Ziel schon einmal erreicht, und man kann sich mit aller Kraft der restlosen Beseitigung der deutschen Sprache widmen. Alles nur Zufall? Wenn Sie die Entwicklung mitverfolgen, können Sie sich selbst Ihre Meinung bilden!