Heft 4/1995 (Folge 117), Seite 180-184

 

Harald Süß

"Schrift" kommt von „Schreiben”

Rudolf v. Larisch und seine Schule

 

Die Schrift als eigengesetzliches Darstellungsmittel mit vielgestaltigen Ausdrucksmöglichkeiten anzuerkennen, war keineswegs immer eine Selbstverständlichkeit. Im 19. Jahrhundert hatte die allgemeine Begeisterung über den industriellen Fortschritt dahin geführt, daß man glaubte, auch die Kunstschrift rein mathematischen Grundsätzen unterwerfen zu können. So wurden die Buchstaben konstruiert, den Gevierten des Rechenpapiers untergeordnet und insgesamt nur als notwendiges Übel betrachtet. In dieser Zeit des traurigen Niederganges der Schrift begann ein bis dahin unbekannter Mann, unbeeinflußt von den sich gleichzeitig in Deutschland und England entwickelnden Erneuerungsbestrebungen, sich mit der Kunst des Schreibens auseinanderzusetzen.

Rudolf v. Larisch wurde am 1. April 1856 als Sohn eines österreichischen Offiziers in Verona geboren. Nachdem es ihm seine schwächliche Gesundheit nicht erlaubte, ebenso wie sein Vater in den Militärdienst einzutreten, wurde er zunächst Beamter im Ministerium des Inneren, wechselte dann in die Kabinettskanzlei über und erreichte schließlich als Archivar des „Ordens vom Goldenen Vließ” eine durchaus geachtete Stellung. Diese Tätigkeit wurde für ihn insofern schicksalshaft, als sie ihm einen gründlichen Einblick in hervorragende Schriftschöpfungen der Vergangenheit erlaubte und dadurch den Tiefstand der europäischen Schriftkultur der eigenen Zeit bewußt werden ließ. So widmete sich der künstlerisch begabte Larisch, der in seiner Beamtentätigkeit keine rechte Erfüllung fand, in seiner Freizeit neben musikalischen Studien in selbstlernerischer Form dem Schriftschreiben. Nachdem er zwischenzeitlich auch Lehrgänge für Aktzeichnen an der Kunsthochschule Wien besucht und mit Erfolg ein Büchlein zu diesem Thema herausgegeben hatte, begann er 1899 durch die Veröffentlichung der 40-seitigen Broschüre „Über Zierschriften im Dienste der Kunst” mit seiner eigentlichen schriftreformerischen Tätigkeit.

Dieses Werk, in dem Larisch bereits alle seine späteren Grundsätze zu den Fragen der Schriftgestaltung niedergelegt hatte, führte schließlich dazu, daß er im Jahre 1902 als Lehrer an die Wiener Kunsthochschule berufen wurde. Der damals bereits 47jährige begann damit seine fruchtbare Lehrtätigkeit und unterrichtete bald auch an der Wiener Frauenakademie, der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt, der niederösterreichischen Lehrerakademie und der Akademie der bildenden Künste. Bereits im Jahre 1904 erschien seine Broschüre „Über die Leserlichkeit von ornamentalen Schriften” und schließlich 1905 sein ausführliches Lehrwerk „Unterricht in ornamentaler Schrift”, das 10 Auflagen erlebte und Larisch über die Grenzen seiner Heimat hinaus bekannt machte. Drei Erkenntnisse bildeten die Grundlage seines Wirkens: Erstens, daß Schriftgeschrieben werden müsse, und nicht zeichnerisch oder konstruiert entstehen dürfe; zweitens, daß mit der ab etwa 1850 eingeführten spitzen Stahlfeder ein ungeeignetes Schreibwerkzeug in Gebrauch war; schließlich drittens, daß in erster Linie nicht die Gestalt der Buchstaben an sich, sondern die Art des Aneinanderreihens „der Rhythmus” geübt werden müsse.

So brach Larisch in seinem Schriftunterricht zunächst mit jeder Überlieferung, indem er alle historischen Schriften ablehnte. Seine Schüler schrieben ausschließlich mit dem sogenannten „Quellstift”, einem geschliffenen Korkstück, das in die Schreibflüssigkeit getaucht wurde. Die Leserlichkeit wurde zugunsten eines „dekorativen” Erscheinungsbildes hintangestellt und die Ergebnisse waren dem allgemeinen Empfinden nicht unbedingt verständlich. Doch bereits 1909 trat bei der 2. Auflage seines Lehrbuches eine wichtige Wendung ein, als Larisch nun wieder und in der Folge immer mehr auch die Breitfeder als Schreibwerkzeug in seine Übungen einbezog, wodurch eine Schreibentwicklung in geschichtlich gewachsenen Bahnen möglich wurde. Nicht unbedeutend dürfte in diesem Zusammenhang das Kennenlernen von Anna Simons, der bekannten Schülerin des englischen Schrifterneuerers Edward Johnston, im Jahre 1912 gewesen sein, das eine gewisse gegenseitige Annäherung der Lehrmeinungen von Larisch und Johnston bewirkt hat. Im ersten Jahr begannen die Schriftschüler mit der Blockschrift, die zunächst mit dem „Quellstift”, später auch mit der Redisfeder geschrieben wurde. An diese Übungen schlossen sich die mit schräger Federhaltung geschriebenen Groß- und Kleinbuchstaben der Lateinschrift, dann eine Kursive und eine Unziale. Als Vorstufe zur Gotik wurde eine sehr dunkle, mit dem Scherznamen „Pfundschrift” bezeichnete Großbuchstabenschrift geübt, in der Folge die Fraktur und eine mit gedrehter Feder geschriebene Blockschriftsowie schließlich als schwierigste Form die mit gerader Federhaltung geschriebene Antiqua. Der Schwerpunkt lag hiebei nicht auf der Formgebung des einzelnen Buchstabens, sondern, wie bereits erwähnt, auf dem Schwarz-Weiß-Verhältnis „dem Rhythmus” der Zeichen zueinander.

Das zweite Lehrjahr war dem „Bauen” und „Ordnen” der Schriftgewidmet, und die Begabten begannen sich merkbar abzuheben. Wie auch Larisch seine Schreibvorlagen immer nur als Richtlinien und Hilfe für das Erfassen der Form verstanden hatte, war er auch bei der Gestaltungsschulung bemüht, weniger durch unmittelbar-deutliche Beeinflussung, als durch Anteilnahme und gelegentliche Hinweise fördernd zu wirken. Aus seinen Meisterschülern setzte sich im wesentlichen auch seine „Pflegesttte für Buch- und Schriftkunst” zusammen, ein Freundeskreis ohne vereinliche Bindung oder Mitgliedschaft, dem jeder zugehören konnte, der „hohe Schriftqualität und Gestaltungskraft” mitbrachte und „Edelarbeit leisten wollte”, wie Larisch es in einem handschriftlich erhaltenen Bekenntnis ausdrückte. Ziel dieser „Larisch-Pflegestätte”, wie sie später auch genannt wurde, war es, sich zu gemeinsamen Werken zusammenzufinden und unbeeinflußt vom „unreinen Wollen des Alltags” das Beste in Schrift- und Buchgestaltung zu leisten. Im Gegensatz zu seinen Zeitgenossen wie Rudolf Koch oder Edward Johnston war Larisch selbst kein Vielschreiber. So sind aus seiner Hand nur wenige Blätter erhalten geblieben. Umso reicher war aber das Schaffen seiner Schüler, allen voran seiner Assistentin und späteren Gattin Hertha Ramsauer, deren Wirken ab etwa 1925 als Höhepunkt der Larisch-Schule bezeichnet werden kann.

Zu den bedeutenden Schriftkünstlern, die daraus hervorgegangen sind, zählen Franz Anderle, Bruno Buzek, Paul Dalsasso, Therese Holzmüller, Otto Hurm, Eugenie Kottnig, Rosemarie Knischka, Kurt Kraus, Arnim Marquardsen, Friedrich Neugebauer, Bruno Meyer, Hertha Sladky, Fini Skarica, Hanni Schilder, Ilse Prassen-Kulke und Frieda Zycha. Wenig bekannt ist, daß Larisch auch zwei Antiqua-Druckschriften geschaffen hat, die fast ausschließlich in der österreichischen Staatsdruckerei verwendet wurden: Die „Plinius” (1903) und die „Wertzeichen-Schrift” (1911). Zur damals aktuellen Frage „Antiqua oder Fraktur” äußerte sich Larisch wie folgt: „Die Bestrebungen in Deutschland, die Frakturschrift oder die Antiqua zur alleinigen Herrschaft zu bringen, hat den leidigen Streit Fraktur kontra Antiqua gezeitigt. Er wäre leicht zu schlichten, wenn wir anstatt zu streiten froh wären, den Formenschatz von zwei Schriftfamilien verwenden zu können und nicht bloß von einer. Freilich müßten wir auch fähig sein, diesen Formenreichtum wirklich zu erschauen und zu erfühlen.” Rudolf v. Larisch starb Ende März 1934 im 78. Lebensjahr.

Sein Lehramt an der Akademie für angewandte Kunst in Wien wurde von seiner Gattin Hertha v. Larisch-Ramsauer weitergeführt, an den anderen Anstalten unterrichtete Dr. Otto Hurm. Die Schule Larisch gibt es nicht mehr, aber sein Werk lebt in seinen Meisterschülern fort und wirkt sich auch heute noch fruchtbar aus. So leitete etwa Prof. Friedrich Neugebauer an der Kunsthochschule in Linz/D. über viele Jahre die Meisterklasse für Schriftgraphik und gab sein bei Rudolf v. Larisch und dessen Gattin erworbenes Wissen an die nächsten Generationen weiter. Herrn Prof. Neugebauer ist es auch zu verdanken, daß im Schriftmuseum Pettenbach (Oberösterreich) dieses Jahr die einzigartige Larisch-Gedächtnisausstellung zustande kam. Und wer selbst die Kunst des Schriftschreibens erlernen oder seine Kenntnisse vervollkommnen möchte, kann dies in den Pettenbacher Sommerlehrgängen tun, die jetzt von Ingrid Litschauer, einer Schülerin von Prof. Neugebauer, veranstaltet werden, getreu dem Wunsche Rudolfs v. Larisch: „Erschaue und erfühle den Reiz künstlerischer Handschrift”.