Heft 3/1995 (Folge 116), S. 162 f. (Auszug)

 

Helfried Jeschke

Ja, das Schreiben und das Lesen

 

Analphabeten gibt′s nicht nur in niedrig entwickelten Ländern mit für unsere Begriffe spärlicher Schulausbildung, sondern auch in „westlichen” Staaten, in denen man so etwas kaum vermuten würde, etwa in den USA oder auch mitten in Europa! Natürlich gibt es keine genauen Zahlen, aber aus der überaus starken Nachfrage, der sich hierzulande die von manchen Volkshochschulen oder meist kirchlichen Einrichtungen angebotenen Kurse erfreuen, kann man schließen, daß die Dunkelziffer allein in Deutschland in die Hunderttausende und in einem vergleichsweise großen Land wie etwa den USA in die Millionen geht. Es sind vorwiegend junge Leute zwischen 20 und 30 Jahren, die in das Berufsleben eintreten und dann merken, daß ihnen etwas Wesentliches fehlt, das hierzulande und wohl in allen Kulturnationen als selbstverständlich vorausgesetzt wird: daß man lesen und schreiben kann. Meist gelingt es nur kurze Zeit, diesen Mangel vor Arbeitgebern und Kollegen, dem Vermieter oder Nachbarn oder auch dem Ehepartner geheim zu halten - und dann folgt der große Katzenjammer: „Hätte ich doch ”

Wie aber kommt es, daß sich überhaupt jemand hierzulande ohne diese Grundkenntnisse durchmogeln kann? Hat er keine Schule besucht, in der das hätte auffallen müssen? Ist kein Lehrer stutzig geworden? Das Ganze wirft ein denkbar schlechtes Licht auf unser Erziehungs- und Gesellschaftssystem.

Für heimische Analphabeten gibt es - wenn überhaupt - eigentlich nur Hilfsarbeitertätigkeiten, die dermaßen anspruchslos sind, daß es gelingt, sich zumindest eine Zeit lang ohne Lesen und Schreiben durchzuwursteln. Früher oder später - meist früher, als die Betroffenen es vermuten - kommt dann die „Entdeckung” in Form einer Lohnsteuerkarte, eines Mietvertrages oder auch nur einer schlichten Zeitungsnachricht, über die die Betroffenen stolpern. Ein Hilfskraftfahrer wußte zwar, was „Umleitung” oder „Einbahnstraße” bedeutete, aber bereits ein einfacher Lieferschein wurde ihm zum Verhängnis. Anfangs behalf er sich, indem er arglosen Passanten erklärte, er habe seine Nahbrille vergessen und sie bat, ihm den ihm unverständlichen Text auf dem Lieferschein vorzulesen. Bis er an einen kritischen Zeitgenossen geriet, der ihn fragte, wie er denn ohne Brille überhaupt Auto fahren könne. Da mußte der Fahrer zugeben, daß er Analphabet sei. Erfahrungsgemäß fürchten die Analphabeten nichts so sehr wie die peinliche „Enttarnung”, aber nur wenige ziehen beizeiten daraus die Schlußfolgerungen.

Kurse für Erwachsene zum Lernen von Lesen und Schreiben sind dementsprechend teuer und nicht gerade häufig, denn in der Regel werden spezielle „Schulbücher” und Lehrunterlagen benötigt. Für die Kosten darf die Allgemeinheit aufkommen, denn bei den „Schülern” ist in der Regel kaum etwas zu holen. Lehrbücher und Lehrgänge, so heißt es, müssen denn auch tunlichst alles vermeiden, was nach Peinlichkeit oder Vorwurf klingt. Vielmehr soll alles ganz „normal” und „natürlich” dargestellt werden.

Alles in allem: Jeder von uns, der es für selbstverständlich hält, daß hierzulande ein gesunder Erwachsener auch lesen und schreiben kann, sollte vorsorglich berücksichtigen, daß es auch bei uns noch zahlreiche Analphabeten gibt - und das bei insgesamt leicht steigenden Zahlen. Denn unter immer mehr Jugendlichen gilt es als „chic”, die Schule zu schwänzen und nicht zu lernen. Und es gibt immer noch „Pädagogen”, die Fünfe gerade sein lassen und selbst Analphabeten in Schulzeugnissen annehmbare Leistungen bestätigen und sie „versetzen”:, um ihre Ruhe zu haben. Auf der anderen Seite gibt es Kinder und Jugendliche, die zwar tagtäglich geduldig vor der „Glotze” ausharren und genau wissen, wer zum Beispiel wann und wo Mittelstürmer ist oder in der Hitparade den ersten Platz einnimmt, aber dafür ist es dann mit dem Lesen und Schreiben um so schlechter bestellt; denn beides ist vergleichsweise anstrengend. Ist es doch viel leichter, den oft dümmlichen Sprachblasentext so mancher Comic-Hefte zu begreifen. Machen wir uns nichts vor: Es gibt mehr Analphabeten, als man denkt.