Heft 4/1992 (Folge 105), Seite 115-120

 

Gertrud Thannhaeuser und Wolfgang Hendlmeier

Herbert Thannhaeuser - Ein zu Unrecht fast vergessener Schriftkünstler

 

Die Freunde gebrochener Schriften kennen den Namen Thannhaeuser von der gefälligen und gut lesbaren Thannhaeuser-Fraktur aus den dreißiger Jahren. In ihr ist dieses Heft gesetzt. Aber wer weiß schon Näheres über diesen bescheidenen Schriftkünstler? 14 neue Schriften hat Herbert Thannhaeuser entworfen, dazu drei geschichtliche Schriften neu bearbeitet. Mit insgesamt 43 von ihm geschaffenen Schnitten, darunter sechs gebrochenen, gehört er ohne Zweifel zu den fruchtbarsten deutschen Schriftkünstlern. Die Namen der von ihm gestalteten Schriften zeigen zeigen jeweils in mindestens einem Schnitt zwei Abbildungen dieses Beitrages. Zum Glück ist Herbert Thannhaeuser in der Stätte seines langjährigen Wirkens, bei „Typoart” in Dresden, noch nicht vergessen. Deshalb ist es gelungen, den folgenden Bericht zusammenzustellen.

Am 2. Dezember 1898 in Berlin geboren, wuchs Herbert Thannhaeuser im Norden der Stadt auf und besuchte wie seine vier Geschwister eine Gemeindeschule. Der Vater, von Beruf Weber, fand nur als ungelernter Arbeiter Möglichkeit, die Familie zu ernähren, und so mußten schon frühzeitig die Kinder mit der Mutter zum Unterhalt beitragen. Vierzehnjährig aus der Schule entlassen, wurde er Lehrling bei einem Porzellanmaler. In der Pflicht-Fortbildungsschule fand er in der Unterhaltung mit Gleichaltrigen ein neues Berufsziel: Er wurde Schüler im Atelier des Plakatmalers Ernst Deutsch (die Berufsbezeichnung „Gebrauchsgraphiker” für die werbetechnische Tätigkeit entstand erst 1925). Hier lernten die Schüler alle Gebiete der aufstrebenden Werbegraphik kennen, nach der Lehrzeit wurde er Anzeigenzeichner im Atelier des Verlages Ullstein. Im Mai 1917 wurde Herbert Thannhaeuser Soldat und wurde nach einer Verwundung in Frankreich in ein Berliner Lazarett verlegt. Er kam wieder mit früheren Kollegen zusammen und fand nach der 1919 erfolgten Entlassung vom Militär Anstellung in Ateliers verschiedener Werbegraphiker. 1920 heiratete Herbert Thannhaeuser, im gleichen Jahr wurde sein Sohn Walter geboren. Ab 1922 arbeitete er als Angestellter der Firma Erasmusdruck, Berlin, die der Briefpapierfirma Max Krause, Berlin, angeschlossen war. Die Gestaltung der Werbung für den Eigenbedarf des Hauses wurde seine Aufgabe. Dabei und bei der Beratung der Kunden fand er Gelegenheit, alle Drucktechniken des Hauses kennenzulernen. Er lernte sie so gut kennen, daß die Geschäftsleitung ihm 1925 als freiem Mitarbeiter die künstlerische Leitung anvertraute. Die neugegründete Zeitschrift „Gebrauchsgraphik” brachte im 1. Jahrgang 1925 mit Heft 12 „Erasmusdruck” eine Übersicht über die Arbeiten und Techniken dieses Druckhauses. Als eigene, typographische Arbeit des Graphikers Herbert Thannhaeuser entstand ein vielbeachtetes Schriftmusterbuch für die Kunden. Ein Wechsel in der Geschäftsleitung veranlaßte ihn 1934, die Tätigkeit bei Erasmusdruck aufzugeben. Im gleichen jahr wurde Herbert Thannhaeuser künstlerischer Berater der Firma „Graphische Betriebe H. S. Hermann-Büxenstein”. Von der später unter dem Namen Ernst Steiniger, Druck- und Verlagsanstalt, bekannten Berliner Druckerei trennte er sich 1937. Zur gleichen Zeit verpflichtete die Geschäftsleitung des Deutschen Sparkassenverbandes in Berlin den Graphiker Herbert Thannhaeuser als Berater für werblich-künstlerische Fragen. Das Deutsche Sparkassenbuch ist eine seiner Arbeiten für den Verlag.

1938 Übernahm Thannhaeuser die künstlerische Beratung der Firma Carl Werner, Reichenbach (Vogtland). Stahlstichentwürfe und andere Arbeiten für private Auftraggeber fanden schon frühzeitig das Interesse der Schriftgießereien. Als erste Arbeit von Herbert Thannhaeuser auf dem Gebiet der Schrifttypen wurde von der Schriftgießerei David Sempel AG, Frankfurt/Main, 1925 die „Adastra” herausgebracht, zu der Jahre später ein Schmuck erschien. Der eigenwillige Graphiker fand bei Stempel allerdings nicht das rechte Verständnis für seine Arbeitsauffassung. 1926 erschien als zweite Schrift bei Schelter & Giesecke, Leipzig, die „Parcival-Antiqua” und 1928 brachte die Firma Schriftguß AG, Dresden, die „Thannhaeuser-Schrift” auf den Markt. Für welche Schriftgießerei der Graphiker aber auch tätig war, besondere Förderung auf dem Gebiet der Schrifttypen erfuhr er nicht. Der Vorstand der Schelter & Giesecke AG verpflichtete Thannhaeuser 1933 als künstlerischen Berater mit der Aufgabe, die veraltete Produktion der Schriftgießerei zu erenuern. Dabei gewann er Einblick in die Herstellung der Typen und erkannte, wie weit die bestehenden Verfahren das Endprodukt Schrift bestimmen. Die beschränkten Mittel der Abteilung erlaubten anfangs nur, Auszeichnungsschriften herzustellen, die nicht jahrelange Arbeit erforderten. So entstanden in kurzer Folge „Werbedeutsch”, „Hermann-Gotisch”, „Großdeutsch” als Auftrag eines Zeitungsverlages und „Gravira”. Als sich die Schriftgießerei größeren Aufgaben zuwenden konnte, fand der Graphiker Gelegenheit, eine Werkschrift zu schaffen. Nach seinen Entwürfen entstand 1938 die „Thannhaeuser-Fraktur”, und da sie von den Druckereien gut aufgenommen wurde, übernahm die Intertype die Schrift auf die Setzmaschine. Später erschienen noch die Auszeichnungschiften „Kurier” und „Kornett”. Für die Schriftproben seiner Typen schrieb der Graphiker selbst die Texte. Fachzeitschriften wie „Archiv für Buchgewerbe und Gebrauchsgraphik” 1934, „Gebrauchsgraphik” 1935 und „Deutscher Drucker” 1936 übernahmen in ihren Heften Abbildungen aus Schriftproben und Firmenwerbung des Graphikers. 1934 erhielt Herbert Thannhaeuser von der Stadt Berlin den Auftrag, für die Neubeschriftung der Straßenschilder eine Umzeichnung der bei der Schelter & Giesecke AG erschienenen Schulfraktur auszuführen. Ehe die Entwürfe zur Ausführung kamen, wurde die Umstellung von Fraktur auf Antiqua ausgesprochen. Der Auftrag wurde 1942 erneuert. Aber erst am 27. November 1946 brachte die Zeitung „Der Tagesspiegel” folgendes: „Neue Straßenschilder in Berlin - ... Die Antiqua-Schrift (schwarz auf weißem Grund) wurde von dem Schriftkünstler Thannhaeuder entworfen. Die Namen sind auf dreißig Meter leicht zu lesen, und selbst bei einer Entfernung von fünfzig Metern fließen die Buchstaben noch nicht zusammen...”

Inzwischen hatte der Zweite Weltkrieg stattgefunden, der Künstler war 1940 wieder Soldat geworden. Die Zeichnungen der „Meister-Antiqua” waren beendet, die Entwürfe für die „Technotyp” begonnen. Die Arbeiten wurden mit unterschiedlicher Einflußnahme des Urhebers in der Schriftgießerei fortgeführt. Herbert Thannhaeuser war ein bescheidener, feinfühlender Künstler, der ähnlich wie Emil Rudolf Weiß seine Gedanken auch in Aphorismen und Gedichten niedergelegt hat. Das Kriegsenede, die Gefangenschaft unterbrach jede fachliche Tätigkeit. Die Hand des Graphikers, welche bisher Buchstaben formte, schrieb jetzt Worte als Ausdruck künstlerischer Betätigung. So entstand hinter Stacheldraht das Sonett „Der Meister”, eine Widmung für den Schriftkünstler Garamond, es entstanden Sonette des persönlichen und beruflichen Erlebens. Am 1. September kehrte Herbert Thannhaeuser in sein Haus in Kleinmachnow bei Berlin zurück und versuchte, sich in die veränderten Verhältnisse einzuleben.

Die Gerauchswerbung war durch den Mangel an Wirtschaftsgütern überflüssig geworden. Der Graphiker fand Anschluß bei kleinen Verlagen und betreute typographisch ihre Buchproduktion. Bei der früheren Schelter & Giesecke AG fand er die inzwischen ohne seine Mitwirkung fertig gewordenen Schriftschnitte vor. Der früher eingegangene Vertrag mit der Mergenthaler Setzmaschinenfabrik über die gemeinsame Herausgabe einer Schrift schien nun unmöglich. Die bisherige Arbeit aber auf dem Schriftgebiet und Erfahrungen anderer Art, seine nähere Bekanntschaft mit dem Prinzip der Setzmaschinen-Systeme, weckten wieder den Wunsch des Schriftschöpfers, die technische Herstellung von Typen stärker beeinflussen zu können. In den nun folgenden Jahren wurden die Schelter & Giesecke AG, Leipzig, und die Schriftguß AG, Dresden, zu einer volkseigenen Schriftgießerei vereinigt, die den Namen „VEB Typoart”, Dresden, erhielt. 1950 beriefen Dienststellen, die sich die technische und künstlerische Steigerung der herzustellenden Drucktypen angelegen sein ließen, den Graphiker Hernbert Thannhaeuser zum künstlerischen Leiter des Betriebes. Im Vordergrund steht die Werkschrift. So entstanden aus der vormals „Europa” genannten Schrift die Setzmaschinengrade einer Schrift, die der Künstler später „Liberta” nannte. Neben dieser umfangreichen Arbeit wurden die „Erler-Versalien”, die „Meister-Ornamente” und die „Lotto” geschnitten und herausgebracht. Später gelang dem Künstler eine Interpretation der „Garamond”. Der künstlerische Leiter bemühte sich auch um Schriften von Kollegen und war ihnen bei der endgültigen Gestaltung behilflich. Die Werkauffassung, die Herbert Thannhaeuser schon 1939 in Aphorismen ausgedrückt hatte, war unverändert die gleiche geblieben: „Wer nicht die Mängel seiner letzten Arbeit erkannt hat, kann keine neue, bessere beginnen.”

Zum 60. Geburtstag ehrte ihn VEB Typoart mit einem Büchlein „Sonette”, das die Zusammenstellung seiner erschienenen Schrifttypen enthielt. Im März 1960 wurde ihm der Kunstpreis der DDR verliehen. Neue Aufgaben für die Setzmaschine waren in der Vorbereitung, als er diese Welt der Arbeit verlassen mußte. Am 12. April 1963 starb er in Kleinmachnow. Erst nach seinem Tode, zur Frühjahrsmesse 1965 in Leipzig, erschien die letzte Schrift von Herbert Thannhaeuser, „Magna” genannt.