Die deutsche Schrift, Heft 3/1991 (100. Folge), Seite 242-243

 

Siegfried Röder

Meister Konfuzius und der Mißbrauch der Sprachbegriffe

 

Konfuzius (551-479 v. Chr.), Philosoph und Sittenlehrer, wurde einmal gefragt, was er als erstes täte, wenn man ihm die Regierung eines Landes übertrüge. Seine Antwort: „Ich würde den Sprachgebrauch richtigstellen.” - „Wie das?”, riefen seine verblüfften Jünger. „Hat denn der Streit um bloße Worte etwas mit den wichtigen Dingen zu tun, die in der großen Politik entscheidend sind?” Darauf sagte Meister Konfuzius: „Wenn die Worte nicht stimmen, dann ist das, was gesagt wird, nicht das Gemeinte. Wenn das, was gesagt wird, nicht das Gemeinte ist, dann sind auch die Taten nicht in Ordnung. Sind die Taten nicht in Ordnung, so verderben die Sitten. Verderben die Sitten, so wird die Rechtsprechung überfordert. Wird die Rechtsprechung überfordert, so weiß das Volk nicht, wohin es sich wenden soll. Deshalb achte man darauf, daß die Worte stimmen. Das ist das Wichtigste von allen.”

Eine Einsicht, die auch heute noch ihre Gültigkeit durchaus nicht verloren hat. Da werden Liberale als „Konservative” bezeichnet, Konservative nennt man „Reaktionäre” und das Regime, das von 1933 bis 1945 an der macht war, wird nicht als „nationalsozialistisch%#148;, sondern als „faschistisch” bezeichnet. Die DDR hingegen hieß „demokratisch”, und Westeuropa hat sogar den Titel einer „Europäischen Gemeinschaft”. Gewerkschaften und Unternehmer sind geradezu durch Ehe verbundene „Partner”, nämlich „Tarifpartner”. Gewissenlose Kriminelle werden vielfach zu „Freiheitskämpfern” stilisiert. Wirkliche Freiheitskämpfer, wie die sich wehrenden Afghanen, nannte auch schon manche „bürgerliche” Zeitung nur noch „Rebellen”. Kriege finden eigentlich auch nicht mehr statt - es gibt nur noch „Konflikte&148;, „Befriedungsaktionen” oder „brüderliche Hilfsmaßnahmen”. Wer gegen Mehrheitsbeschlüsse randaliert, ist ein „kritischer Demokrat”. Wer für „law and order” - zu deutsch: Recht und Ordnung - eintritt, riskiert es, in den Ruf eines „Neo-Nazis” zu kommen. Und noch so gemeingefährliche und schädliche Vorhaben können lanciert werden, wenn man ihnen das Adjektiv „sozial” als Tarnkappe umhängt.

Bundeswehrsoldaten müssen sich als „Mörder” beschimpfen lassen, echte Mörder hingegen sind „Opfer der Gesellschaft”. Und überhaupt: Die Deutschen sind offenbar kein Volk mehr, sondern bloß eine „Gesellschaft” oder eine, was noch besser klingt, „pluralistische Gesellschaft”, von Gesellschaften. Leistung ist „Streß”, Faulheit „Selbstverwirklichung”, ehrlicher Gewinn „Profit”, das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern ein „Herrschaftsverhältnis”. Fleiß ist eine „kleinbürgerliche” Tugend, Tapferkeit fast schon gleichbedeutend mit „Militarismus”. „Solidarität” bedeutet schon seitlangem nicht mehr wechselseitiges Zusammengehörigkeitsgefühl, sondern einseitige Verpflichtung. Die „Reichen”, die „Kapitalisten”, werden allesamt als „Ausbeuter” tituliert. Es gibt nicht nur Politiker, sondern auch Theologen, Journalisten und Lehrer für Gemeinschaftskunde, die Länder wie die Schweiz, Israel oder auch Großbritannien als „imperialistisch” bezeichnen, während sich die Rote Armee bis vor kurzem ungestraft in Afghanistan aufhalten konnte.

Die Worte stimmen nicht mehr. Und die politischen Diskussionen und Umgangsformen in unserem Lande sind danach. Der weise Konfuzius hätte heute viel zu tun. Die Sprache verkommt, das leere Geschwätz nimmt zu, und der ursprüngliche Sinn der Wörter wird immer dunkler.