Heft 4/1989, S. 193 f. (Auszug)

 

Harald Süß

Aktenzeichen 6 P Js 435/89

Strafanzeige wegen gebrochener Schrift abgewiesen

 

„Strafanzeige wegen Frakturschrift auf S-Bahnhöfen der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG)” lautete der Titel einer Glosse, die am 31.3.1989 in der Berliner Zeitung „Der Tagesspiegel” erschien und nachfolgend wortgetreu wiedergegeben ist:

Mit den in Frakturschrift angebrachten Bahnhofsbezeichnungen auf den S-Bahnstationen Anhalter Bahnhof, Lichterfelde West und Zehlendorf muß sich jetzt die Staatsanwaltschaft beschäftigen. Ein ehemaliger, jetzt in der Schweiz lebender Berliner, der von den Nationalsozialisten verfolgt worden war, erstattete eine Anzeige wegen Verherrlichung des Hitler-Regimes durch „Neuaufstellung von alten Nazi-Symbolen auf öffentlichen West-Berliner Bahnhöfen durch die BVG”.

Die Frakturschrift war jedoch schon im 16. Jahrhundert geschaffen worden. Sie war auch im polnischen, tschechischen, litauischen, schwedischen und finnischen Sprachbereich verbreitet. Ihre Bedeutung verlor sie erst im 20. Jahrhundert. Unter den Nationalsozialisten wurde 1941 die Antiqua zur Normalschrift erklärt, wie sie heute üblich ist.

BVG-Direktor Lorenzen wies auf Anfrage darauf hin, daß die Fraktur-Schrift auf den renovierten Bahnhöfen umstritten gewesen sei. Der Landeskonservator habe sich dann aber durchgesetzt. Ein Symbol für die Nazi-Zeit sehe man in der Fraktur-Schrift jedoch nicht. Problematischer sei, daß man nicht wisse, ob jüngere Fahrgäste diese Schrift überhaupt noch lesen könnten. (Tsp)

Diese Mitteilung veranlaßte den Geschäftsführer unseres Bundes, sich umgehend an die Berliner Verkehrsbetriebe zu wenden, wobei er die tatsächliche geschichtliche und rechtliche Lage der gebrochenen Schriften ausführlicher erläuterte, als dies in der Zeitung geschehen war und zudem die Ausfertigung eines Gutachtens anbot. Gleichzeitig wandten sich auch verschiedene Leser unserer Zeitschrift an die BVG mit der Bitte um nähere Auskunft.

Am 11. 5. 1989 erreichte uns dann eine Antwort der Berliner Verkehrsbetriebe (Zeichen: M 21 br/ne): „Wir verwenden die Frakturschrift bei der Bahnhofsrestaurierung dort, wo es ursprüngliche Gestaltung und Baustil wünschenswert bzw. notwendig machen. So auch bei den von Ihnen erwähnten Bahnhöfen. Eine Strafanzeige in dieser Angelegenheit liegt bei der BVG nicht vor ”

Was nun? War die Anzeige noch nicht weitergeleitet, das Verfahren schon eingestellt oder wir gar einer Zeitungsente aufgesessen? Einige unserer in Berlin wohnenden Leser, darunter besonders die Herren Otto Kanold und Geza von Nemenyi, klemmten sich hinter die Sache und ließen nicht locker. Befaßte sich die Staatsanwaltschaft ernsthaft mit einer Anzeige, deren Begründung sich nach kurzer Prüfung als unhaltbar erweisen mußte? Inzwischen hatte unser Mitglied Kurt Löffler bereits ein Bild von einem der gegenständlichen Bahnhofsschilder geknipst, und auch das Aktenzeichen der Anzeige (6 P Js 435/89) war ausfindig gemacht worden; da meldete der „Tagesspiegel” in seiner Ausgabe vom 25. 6. 1989, Seite 8: „Verfahren eingestellt!” Nach Angaben von Justizsprecher Achammer sah ein von der Staatsanwaltschaft beauftragter Gutachter in der Frakturschrift ein deutsches Kulturgut, das nicht im Geist des Nationalsozialismus entstanden sei. Weiter erwähnte der „Tagesspiegel” die Bedeutung der gebrochenen Schriften im deutschen Sprachraum bis 1941 und gab den Inhalt des Bormannschen Rundschreibens sinngemäß wieder. Erfreulich war neben der sachlichen Berichterstattung auch die freundliche Erwähnung unseres Bundes. Über die offensichtlichen Beweggründe des abgewiesenen Klägers wollen wir uns nicht weiter äußern und überlassen es unseren Lesern, sich ein Bild über die tieferen Absichten dieses Herrn zu machen.

(Weiter folgen fachliche Ausführungen zu „Fraktur-Grotesk”, „Schlichter Gotisch” usw.)