Heft 2/1985 (Folge 75), Seite 25 bis 29

 

Wolfgang Hendlmeier

Otto Hupp - Kunsthandwerker, Heraldiker, Schriftkünstler

 

Otto Hupp ist den Schriftkennern als Altmeister der neueren deutschen Schriftkunst geläufig. Mehr als 10 verschiedene Schriften wurden nach seinen Entwürfen geschnitten und gegossen. Hupp beherrschte viele handwerkliche Techniken meisterhaft, so daß er sie je nach Aufgabe und Zweck frei einsetzen konnte. Seine künstlerische Aussagekraft war in keiner Weise durch mangelndes Können beschränkt; denn Tuschezeichnung, Öl- und Aquarellmalerei, Radierung, Gravur, Ätzung, Stempelschnitt, Lithographie, Lederschnitt, Holz- und Einlegearbeiten, Töpferei und Glasur waren ihm nicht fremd.

Otto Hupp wurde am 21. mai 1859 als vierter von fünf Söhnen des Graveurs und Medailleurs Carl Heinrich Hupp in Düsseldorf geboren. Der kunstbegeisterte Vater war Mitbgeründer der Düsseldorfer Kunstvereinigung „Malkasten” und sorgte dafür, daß seine Söhne neben der Schulausbildung auch eine Graveurslehre durchmachten. Die Düsseldorfer Kunstakademie, die Hupp im letzten Jahr einer vierjährigen Lehrzeit besuchte, bewegte ihn nicht, vielmehr schloß er sich der Münchner Neurenaissance-Bewegung an, die aufgrund der 1876 durchgeführten großen Kunstausstellung „Unserer Väter Werke” entstanden war. Schon mit 19 Jahren verließ Hupp Düsseldorf und nahm seinen Wohnsitz in München, ab 1891 bis zu seinem Tode in dem Münchner Vorort Oberschleißheim. Bei dem Münchner Maler Rudolf Seitz lernte Hupp die Malerei in verschiedenen Techniken, über Seitz machte er Bekanntschaft mit dem berühmten Architekten Gabriel von Seidl, dem er verschiedene Aufträge für Wand- und Deckengemälde verdankte. U.a. hat er die Gemälde im Erfrischungssaal des alten Reichstagsgebäudes in Berlin ausgeführt.

Otto Hupp war nicht nur ein begnadeter, sondern auch ein vielseitiger, geschickter und fleißiger Künstler, der es allerdings ablehnte, sich als Künstler zu bezeichnen. So schrieb er mit 80 Jahren seinem Biographen Wilhelm Lange: „Es war mir aber weder gegeben noch wäre es mir recht, ein Künstler in heutigem Sinne, d.h. von der Akademie, vom Atelier, von Vorträgen und Ausstellungen her, zu sein. Was ich kann, habe ich allein an handwerklichen Arbeiten gelernt, und wenn ich dabei in manchem zurückblieb, so durfte ich das durch Zutaten wettmachen, die mir durch unablässige fleißige Beobachtung meisterhafter alter Vorbilder schließlich zum eigenen Geschmack geworden waren.” Das umfangreichste Arbeitsgebiet Hupps war die Wappenkunde und Wappenkunst. Hupp hat mindestens 6000 Wappen gezeichnet und grundlegende Werke der Heraldik verfaßt. Leider bleibt sein großes Werk „Wappen und Siegel der deutschen Städte, Flecken und Dörfer” unvollendet. Nur fünf der geplanten zehn Bände sind ab 1895 erschienen. Als wappenmarken brachte die Bremer Kaffee HAG 2800 von Hupp gezeichnete Wappen mit den entsprechenden Sammelalben heraus, und zwar von 1913 bis 1918 und von 1926 bis 1938.

Der Bremer Kaufmann Ludwig Roselius, Besitzer der Kaffee HAG und Schöpfer der berühmten Böttchergasse in Bremen, trug durch Veröffentlichung der Huppschen Wappen wesentlich dazu bei, die Wappenkunde volkstümlich zu machen. Ein weiteres wappenkünstlerisches Werk von Hupp war sein „Münchner Kalender”, der in 51 Jahrgängen von 1885 bis 1936 - nicht 1933 - erschien. Hupp legte auch ein umfangreiches Familien- und Gemeindewappen- und Siegelabdruckarchiv an, das zum großen Teil das Bayrische Hauptstaatsarchiv übernahm. Das schönste von Hupp geschaffene Wappen ist ohne Zweifel das nach umfangreichen Vorentwürfen gestaltete Bayerische Staatswappen von 1923, dessen Wiedereinführung nach dem 2. Weltkrieg leider zu Gunsten des von Professor Ege modernisierten Bildes scheiterte. Weitere Arbeitsbereiche von Otto Hupp waren die Gebrauchsgraphik, die Metall- und Buchkunst sowie der Schriftentwurf. Besonders wertvolle Einzelstücke sind die Metallarbeiten für den Dom zu Speyer, die er 1904 vollendete, das Gehäuse für die astronomische Kunstuhr, ein Geschenk an die Stadt München, sowie die aus Metall, Elfenbein und Holz gefertigten Ehrengaben.

Hupps aus vergoldetem Kupfer getriebene Schrifttafeln in kunstvollen Schreinen und seine Einlegearbeiten stehen würdig an der Seite der Werke großer alter Meister. Wehmütig denkt der kunstsinnige Betrachter daran, daß es heute Auftraggeber und Künstler für solche Leistungen nicht mehr gibt, weil das Schöne von den Medien planmäßig mißachtet wird, allenfalls als Museumsstück anerkannt. Das graphische Werk Hupps ist außerordentlich reichhaltig und dem heutigen „Graphik-Design” turmhoch überlegen. Wein- und Bierflaschenaufkleber von Hupp sind bei einigen Firmen seit über 50 Jahren im Gebrauch, das Spatenzeichen der Spatenbrauerei München schon seit 100 Jahren - ein Beweis für die zeitlose Gültigkeit der Huppschen Werke. Für uns Schriftfreunde ist Otto Hupp, der 1906 in Anerkennung seiner bei der Erneuerung des Doms zu Speyer geleisteten Arbeit zum Professor ernannt wurde, vor allem als Schriftkünstler von Bedeutung.

Schon 1883 hat Hupp für Emil Genzsch typograhische Zierstücke geschaffen. 1899 erschienen bei Genzsch & Heyse, Hamburg/München, die ersten Grade von Hupps „Neudeutsch”, einer gut lesbaren, leicht vom Jugendstil beeinflußten Bastardschrift. Weitere für Genzsch & Heyse geschaffene Schriften sind die „Numismatisch” und die „Heraldisch”M;. Ein typographisches Ereignis stellte das Erscheinen der „Liturgisch”, auch „Hupp-Gotisch” genannten Schrift, dar. Die Rudhardsche Gießerei, Offenbach am Main, ab 1906 „Gebr. Klingspor”, hatte diese Schrift 1905-06 geschnitten. Hupp entwarf für die Gebrüder Klingspor noch weitere Schriften, nämlich die magere und fette „Hupp-Fraktur” (1906-11 bzw. 1910 erschienen), die „Hupp-Schrägschrift” (um 1927), die magere und fette „Hupp-Antiqua” mit Unziale (ab 1909), außerdem die Anzeigenschriften „Lichte und volle Tam-Tan”, die „Keilschrift” und „Kegelschrift”. Für die Reichsdruckerei gestaltete er 1917 eine Fraktur, die 1928 in einem Werk über die Reichsdruckerei verwendet wurde. Die Schriften Otto Hupps waren keine Allerweltsschriften. Sie stellten vielmehr etwas Besonderes dar und zeigten die eigenwillige Handschrift ihres Meisters. Vielleicht konnten sie sich gerade deshalb nicht gegenüber häufig gebrauchten Schriften durchsetzen. Heute sind sie in Vergessenheit geraten. Sie dürften kaum noch bei einer Druckerei im Kasten liegen, da sie seit Jahrzehnten nicht mehr gegossen werden. Meines Wissens wurde, wenigstens bis jetzt, keine Hupp-Schrift in den Fotosatz übernommen.

In seinem fast neunzigjährigen Leben hat Hupp etwa 10000 Einzelwerke geschaffen. Noch mit 80 Jahren hat er für den Landgrafenchor der Elisabethkirche zu Marburg an der Lahn die farbigen Wappenfenster entworfen, deren Ausführung der 2. Weltkrieg dann verhinderte. Den modernen „Künstlern” nach 1945 war Hupp vom Wesen und Stil her fremd geworden, und so ist der Altmeister der Heraldik und Schriftkunst am 31. Januar 1949 fast vergessen in seinem Haus in Oberschleißheim gestorben.