Die deutsche Schrift Heft 58, Frühjahr 1978, Seite 15 f.

Die Zurichtung der Gänsekielfedern

 

Herr Dr. Med. Henning Fikentscher schreibt uns:

Es ist ja lächerlich, mit den alten Schriften umzugehen und nicht einmal zu wissen und zu können, was zu der Voreltern Schreibkunst gehörte. Ich habe Familienschriften meiner Vorfahren kiloweise zu liegen. Die älteste habe ich allerdings nur mal gelesen, und zwar auf dem Archiv zu Bayreuth. Über 1000 Seiten Folio, die der Urahn meines Großvaters im Mannesstamm 1676, bezw. der Ahn des Ahns, über seine und seiner Gemeinde Schicksale im großen Kriege schrieb. Ich kann diese Schrift flüssig lesen, weil ich noch dieselben Schriftzüge gebrauche. Ein bekanntes Bild von Spitzweg „Der Schreiber” zeigt uns einen dienstbeflissenen Beamten beim Zurechtschneiden der Gänsekielfeder. Wir sind dieser Verfahrensweise nachgegangen und können unseren Schriftfreunden mitteilen: Schreibfedern stammen größtenteils von der Gans, und man verwendet als Posen die fünf äußersten Schwungfedern jedes Flügels, von denen die zweite und dritte (Schlachtposen) die besten sind. Die im Mai und Juni von selbst ausgefallenen sind viel wertvoller als die später gerupften. Zum Verkauf werden sie durch Erwärmung erweicht, wiederholt unter einer stumpfen Messerklinge durchgezogen, dann wieder rund gedrückt, getrocknet und mit wollenem Lappen geglättet. Durch Erweichen in heißem Alaunwasser werden die Posen durchsichtig hell (Glasspulen). (Meyers Konversationslexikon von 1894, Band 6.)

Über ihre Zurichtung erzählt Josef Winkler in seinem Buch vom „Tollen Bomberg”: „Es müssen gezogene, ausgekochte Federn sein, nicht diese klobigen Aschstengel, und in heißem Sand gut geweicht, dann durch Abschaben verdünnt und gereinigt! Zuletzt in gebrühtes Alaunwasser, bis sie durchsichtig sind!”