Die deutsche Schrift Nr. 4 (März 1952), S. 10 f.

 

Dr. Heinrich ten Wolde

Die Schwabacher Schrift

 

In dem geheimen Schrifterlaß vom 3. Januar 1941 heißt es u.a.: „Die sogenannte gotische Schrift als eine deutsche Schrift anzusehen oder zu bezeichnen ist falsch. In Wirklickeit besteht die sogenannte gotische Schrift aus Schwabacher-Judenlettern.” Hier hat man eine grobe Fälschung begangen in der Absicht, das Verbot der deutschen Schrift erklärlich zu machen. Die „sogenannte gotische Schrift” entwickelte sich nämlich nicht aus der Schwabacher, sondern umgekehrt die Schwabacher aus der gotischen Schrift. Und die Behauptung, daß die Schwabacher Schrift von einem Juden geschaffen sei, ist geradezu unsinnig. Um dies zu erkäutern, wollen wir näher auf die Entstehung der Schwabacher Schrift eingehen.

Gutenberg, der Erfinder der Buchdruckerkunst, druckte in den Schriftarten der damals verwendeten Handschriften, also vor allem in der gotischen Schrift. Diese Schrift mußte aber gegen Ende des 15. Jahrhunderts unter dem Einfluß der Renaissance einer neuen Schrift weichen, der sogenannten Schwabacher Schrift, die wohl zuerst von Johannes Bämler in einem Augsburger Wiegendruck vom Jahre 1472 verwendet worden ist. Um das Jahr 1490 erreicht die Schwabacher ihre Vollendung: u.a. in der bekannten Schedelschen Weltchronik, gedruckt von Anton Koberger (1493), und in der Dürerschen Apokalypse (1498). Sie wird dann auch von zahlreichen anderen deutschen Druckern übernommen. Woher stammt nun der Name? Gebraucht wurde der Name zum ersten Mal von dem Nürnberger Schreibmeister Wolfgang Fugger im Jahre 1553, also fast ein Jahrhundert nach ihrer Entstehung.

Die Verfasser des Schrifterlasses vom Jahre 1941 sprechen von einer jüdischen Erfindung, wohl in der Annahme, daß der Erfinder den Namen seines Geburtsortes trage, was nur bei Juden vorkomme. Hierfür liegt aber nicht die Spur eines Beweises vor. In Schwabach (einem Orte nahe Nürnberg) gab es damals weder eine Buchdruckerei noch eine Schriftgießerei. Den Juden war der Erwerb von Druckereien und das Arbeiten in deiner Druckerei nach den strengen Zunftgesetzen der damaligen Zeit verboten. Nur Christen, die das Bürgerrecht besaßen, durften in einer Druckerei tätig sein. Auch die weitere Behauptung des Erlasses, daß „die in Deutschland ansässigen Juden bei der Einführung des Buchdrucks sich in den Besitz der Druckereien setzten und daß es dadurch zu der starken Einführung der Schwabacher Judenlettern gekommen sei”, ist falsch. Tasächlich gab es im 15. Jahrhundert und noch lange Zeit danach in Deutschland nicht eine einzige in jüdischem Besitz befindliche Druckerei. Die starke Verbreitung der Schwabacher ist vielmehr auf den durch die Reformation veranlaßten Druck zahlreicher religiöser Bücher und Streitschriften zurückzuführen. So sind also die Behauptungen des Schrifterlasses in allen Punkten falsch und nur aufgestellt worden, um hierdurch Abneigung gegen die deutsche Schrift hervorzurufen und die wahren Beweggründe zu tarnen.

Nach dem jetzigen Stand der Forschung wird man annehmen müssen, daß ein aus Schwabach stammender, aber in einer auswärtigen Druckerei (Nürnberg, Augsburg, Ulm) arbeitender Schrift- und Formenschneider die Type geschaffen hat und daß dann die Bezeichnung Schwabacher auf diese neue Schrift übertragen wurde.

Jedenfalls ist die Schwabacher Schrift auf deutschem Boden entstanden und von deutschen Künstlern ausgestaltet worden, so daß man sie mit vollem Recht eine deutsche Schrift nennen kann. Die Kleinbuchstaben dieser Schrift sind breiter und behäbiger und bewirken dadurch eine gute Lesbarkeit. Besonders einprägsam sind die ausladenden Großbuchstaben. Die Schwabacher war ein halbes Jahrhundert - etwa von 1480 bis 1530 - in Deutschland die vorherrschende Druckschrift. Durch die volkstümlichen Dichtungen von Hans Sachs wurde sie überall bekannt und beliebt. Vor allem aber gewann sie an Verbreitung durch die Reformation. Wittenberg trat als Druckstadt ebenbürtig neben Nürnberg, Mainz, Augsburg und Straßburg. Alle Werke Luthers und der anderen Reformatoren wurden in der Schwabacher gedruckt.

In der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts verlor sie aber allmählich an Bedeutung, bis sie mehr und mehr von der Fraktur verdrängt wurde. Nur als Auszeichnungsschrift wurde sie wegen ihrer kräftigen Wirkung weiter in Frakturdrucken verwendet. Erst im 19. Jahrhundert wurde sie wieder zu neuem Leben erweckt, besonders durch die Schriftgießerei Genzsch & Heyse, die im Jahre 1835 die alte Schwabacher in den Originalmatern herausbrachte und 1876 die „Neue Schwabacher” entwarf. Die Schriftgießerei Gebr. Klingspor folgte 1900 mit der „Offenbacher Schwabacher”, welche sich großer Beliebtheit erfreute. Auch die Schriftkünstler Ehmcke (1916) und Schneidler (1918) haben neue Formen geschaffen. So hat sich die Schwabacher Schrift durch ihre gute Lesbarkeit und ausdrucksvolle Schönheit als lebenskräftig erwiesen und bis zum heutigen Tage erhalten.