Ist die deutsche Schrift noch immer verboten?

 

Gutachten des Bundes für deutsche Schrift und Sprache

aus Anlaß der Anfrage eines Mitgliedes, ob einem Schüler/einer Schülerin

der Gebrauch der deutschen Schrift durch eine Lehrkraft untersagt werden kann.

 

1.Die deutsche Schrift (Handschrift und Frakturdruck) „diente” bis zu ihrem Verbot durch die Nationalsozialisten im Jahre 1941 niemals einer einzigen Richtung, politischen Partei oder Ideologie: Luthers Bibel (1534), Kants „Kritik der reinen Vernunft” (1781), Goethes und Heines Werke, das „Kommunistische Manifest” von Karl Marx (1848 in London gedruckt!), die Werke Thomas Manns,Döblins „Berlin Alexanderplatz” (1927), Hitlers „Mein Kampf” (1925) und sogar einige Bücher deutscher Emigranten sind in Fraktur gedruckt. Die deutsche Schrift ist weder „rechts” noch „links”: Kommunisten, Nationalsozialisten, der „Centralverein deutscher Juden”, Stresemanns Deutsche Volkspartei, die Sozialdemokraten, sie alle bedienten sich selbstverständlich in ihren Wahlaufrufen der deutschen Schrift. Sie war eben seit 400 Jahren die volkstümliche Schrift. In ihr waren und wurden nicht nur die Heilige Schrift, die Märchen, die Klassiker und natürlich auch der überwiegende Teil der zeitgenössischen Literatur gedruckt, sondern auch fast alle Zeitungen in Deutschland und somit auch der größte Teil der Wahlplakate in den zwanziger und dreißiger Jahren. Eine der ersten Zeitungen, die 1941 auf Lateindruck umstellten, war der „Völkische Beobachter” - auf Befehl Hitlers. Die Wochenzeitung „Das Reich”, das nationalsozialistische Propagandablatt und geistige Aushängeschild der Braunen, war von Anfang an in Antiqua gesetzt.

2. „Ohne Zweifel ist die deutsche Schreibschrift ein wertvolles Kulturgut, das es zu pflegen gilt” (Der Niedersächsische Kultusminister am 22.09.1988). „Bei der deutschen Schrift handelt es sich um ein altes, bewahrenswertes Kulturgut” (Bayerisches Staatsministerium für Unterricht und Kultus am 12. Mai 1989). In der deutschen Schrift haben Jahrhunderte hindurch fast alle deutschen Geistesgrößen ihre Werke geschrieben. Überall stößt man auf deutsch geschriebene oder gedruckte Quellen: im Notariat, im Katasteramt, in der Ahnenforschung und in jedwedem Studium. Mehrere Kultusminister erklären darum das Erlernen der deutschen Schrift für wünschenswert (z.B. Schulverwaltungsblatt für Niedersachsen, Juli 1989), die Lehrpläne sehen in den meisten Bundesländern die Beschäftigung mit der deutschen Schrift in Arbeitsgemeinschaften oder Projektwochen vor. Keinem Russen, Griechen, Iren, Chinesen oder Israeli fällt es ein, seine angestammte nationale Schrift aufzugeben, obwohl doch alle diese Schriften weit stärker von der lateinischen „Weltschrift” abweichen als die deutsche. Die Kultusministerien von Baden-Württemberg und Niedersachsen haben ihre Lehrkräfte auf Lern- und Hilfsmittel zur deutschen Schrift hingewiesen. Die Ministerin für Wissenschaft, Jugend und Kultur des Landes Schleswig-Holstein schreibt am 29.05.1989, daß „die deutsche Schrift für interessierte Studenten und dort, wo es notwendig ist, schnell gelernt und erlesen werden kann”.

3. Der Petitionsausschuß des Deutschen Bundestages erklärte am 06.09.1971: „ Den Freunden der deutschen Schrift ist es jedoch unbenommen, sich für die Verbreitung dieser Schrift einzusetzen und für ihre Verwendung zu werben. Der Staat respektiert die freie Entfaltung von Kunst und Kultur, so auch auf dem Gebiet der Schriftverwendung. Der im „Dritten Reich” herrschende Zwang zur Bevorzugung der „Normal-Type” (d. h. lateinischer Lettern) besteht nicht mehr, ”

4. Am 3. Januar 1941 erging vom „Stellvertreter des Führers - Stabsleiter” an die Reichsleiter, Gauleiter und Verbändeführer folgender Erlaß (wiedergegeben ist hier eine Ablichtung aus dem Bundesarchiv zu Koblenz, Bestand NS 6/334):

 

NATIONALSOZIALISTISCHE DEUTSCHE ARBEITERPARTEI

Der Stellvertreter des Führers München 33, Stabsleiter

z.Z. Obersalzberg, den 3.1.1941

RUNDSCHREIBEN

(nicht zur Veröffentlichung)

Zur allgemeinen Beachtung teile ich im Auftrag des Führers mit: Die sogenannte gotische Schrift als eine deutsche Schrift anzusehen oder zu bezeichnen ist falsch. In Wirklickeit besteht die sogenannte gotische Schrift aus Schwabacher Judenlettern. Genau wie sie sich später in den Besitz der Zeitungen setzten, setzten sich die in Deutschland ansässigen Juden bei Einführung des Buchdrucks in den Besitz der Buchdruckereien und dadurch kam es in Deutschland zu der starken Einführung der Schwabacher Judenlettern. Am heutigen Tage hat der Führer in einer Besprechung mit Herrn Reichsleiter Amann und Herrn Buchdruckereibesitzer Adolf Müller entschieden, dass die Antiquaschrift künftig als Normal-Schrift zu bezeichnen sei. Nach und nach sollen sämtliche Druckerzeugnisse auf diese Normal-Schrift umgestellt werden. Sobald dies schulbuchmässig möglich ist, wird in den Dorfschulen und Volksschulen nur mehr die Normal-Schrift gelehrt werden. Die Verwendung der Schwabacher Judenlettern durch Behörden wird künftig unterbleiben. Ernennungsurkunden für Beamte, Strassenschilder u. dergl. werden künftig nur mehr in Normal-Schrift gefertigt werden. Im Auftrage des Führers wird Herr Reichsleiter Amann zunächst jene Zeitungen und Zeitschriften, die bereits eine Auslandsverbreitung haben, oder deren Auslandsverbreitung erwünscht ist, auf Normal-Schrift umstellen.

gez. M. Bormann

 

Hitlers Schrift-Erlaß war in allen Punkten unbegründet, antisemitischer Pfusch und eine kulturelle Barbarei. Er wurde dennoch in dumpfer Ergebenheit befolgt, nach dem Kriege etwas lockerer, aber, je länger Hitler im großen und ganzen überwunden zu sein scheint, um so mehr setzt das deutsche Volk den Schrifterlaß gedankenlos in die Tat um.

5. Schlußfolgerungen Es gibt keinen Rechtsgrund, einem Schüler, der den kulturellen Wert der deutschen Schrift erkannt hat, den Gebrauch dieser Schrift im Schulbereich zu untersagen. Ein solches Verbot wurde 1941 vom „Führer” ausgesprochen. Wer sich diesem Verbot widersetzt, handelt nicht nur kulturbewahrend, sondern auch antifaschistisch. Für jeden Deutschen, vor allem aber für eine Lehrkraft ist der Erwerb der Fähigkeit, die deutsche Schrift lesen zu können, eine im Vergleich zu der geringen - und daher zumutbaren - Mühe große Bereicherung; so werden zum Beispiel Quellen, die sonst verschlossen blieben, nun zugänglich; Arbeitsgemeinschaften und Projektwochen, in denen den Schüler(inne)n das Kulturgut „Deutsche Schrift” nahegebracht werden soll, werden nun möglich und durchführbar.

Ahlhorn, am 19. 07. 1993

i.A.: (gez.:) Helmut Delbanco

(Siegel des Bundes für deutsche Schrift und Sprache)